im Arbeitszimmer –

 

die Portraits

Als Joana sich in Sir Alberts Arbeistzimmer umsieht, fällt ihr besonders ein Portrait auf.

 

Ein wenig weiche Knie hatte Joana also schon, als sie vorsichtig die Türklinke zu seinem Arbeitszimmer herunterdrückte. Das Zimmer war, wie sie es noch in Erinnerung hatte: Eine dunkle Höhle der Gelehrsamkeit. Nun aber wollte sie auf die Bilder achtgeben. Es gab nur zwei. Links neben der Tür zur Bibliothek hing das Portrait eines alten Mannes mit altmodischem Anzug und Kneifer. Es war ein seltsames Bild. Sie kannte nun schon den Impressionismus mit seinen flüchtig hingeworfenen Farben, die nur den Moment einfangen wollten. Hier war es ähnlich. Joana erkannte zwar schemenhaft einen Stuhl, neben dem der Abgebildete stand. Wo sich der Stuhl aber befand, in einem Zimmer, in einer Bibliothek oder im Garten, war völlig unklar. Der Rest vom Hintergrund war ein rasch und mit viel Schwung hingemaltes Braun, das nach oben hin heller wurde und vor dem sich der Mann im dunkelgrauen Anzug abhob. Doch auch der Anzug war nur flüchtig gemalt.

 

Wir haben schon ein Portrait kennengelernt. Das Selbstportrait von Lovis Corinth als ein Beispiel des Impressionismus. Also, was ist ein Portrait?

 

Ganz kurz und knapp: Ein Bild, das einen Menschen erkennbar abbildet. Doch wenn das alles wäre, dann gäbe es keine Portraimalerei mehr. Jeder Fotoknipser kann leichter und einfacher ein erkennbares Bild von einem Menschen machen.

 

Es geht aber nicht nur um die Oberfläche, um das Aussehen, es ging immer schon auch darum, im Bild den Charakter und das Wesen im Bild miteinzufangen. Das ist etwas, was mit dem Fotoapparat genauso schwer zu leisten ist, wie mit dem Pinsel. Doch der Maler hat mehr Freiheiten beim Arbeiten.

Max Liebermann, Portrait von Kommerzienrat Dr. Carl Leopold Netter

1917, Öl auf Leinwand, 94cm x 78 cm

Privatbesitz

 

Max Liebermann haben wir schon kennengelernt, er ist ein Impressionist. Entsprechend schwungvoll und scheinbar flüchtig ist der Pinselstrich.

 

Hier sehen wir einen Mann im Anzug vor einer amorphen grauen Wand. Dass er auf einem Sessel sitzt, erkennen wir nur an der Positur. Das Sitzmöbel ist nur angedeutet.

 

Was kann alles dem Betrachter etwas über das Wesen des abgebildeten verraten: Die Augen, der Blick und die Haltung, die Handhaltung, aber auch die Kleider und das Beiwerk, das bei solch einem Bild der Maler sicher sehr bewusst mit ins Bild aufgenommen hat, all dies flüstert dem Betrachter etwas zu, kleine Enthüllungen über den Charakter. Man muss manchmal ein solches Bild etwas länger auf sich wirken lassen.

 

In diesem Bild blickt der Mann den Betrachter direkt an, ernst, ruhig, abwartend, nicht neugierig, aber auch nicht uninteressiert. Das Interesse deutet der leicht geneigte Kopf an. Er sitzt aufrecht, vielleicht leicht zurückgeneigt. Man erkennt es an der Knopfleiste der Weste. Er beugt sich also nicht auf den Betrachter zu. Er bleibt also einerseits zugewandt, andererseits abwartend und leicht distanziert.

Die Hände sind nicht vor der Figur sondern eher neben ihr. Er baut also mit ihnen keine Schranke zwischen sich und uns. Also auch hier erkennen wir jemanden, der offen ist für sein Gegenüber.

 

Wenn wir seine Kleider ansehen? Er trägt einen dunklen Anzug mit Weste und dazu ein Hemd mit „Vatermörder“-Kragen und Krawatte. Das Bild stammt aus dem Jahr 1917. Er ist also für seine Zeit nach bürgerlichem Maßstab durchaus korrekt und respektabel gekleidet. Doch sein Anzug wirkt alles andere als geschniegelt. Es ist dem Mann offenbar nicht wichtig, sich adrett und „schnieke“ zu präsentieren. Der Anzug scheint bequem zu sein, sonst könnte der Abgebildete nicht so entspannt sitzen und ist faltig. Er wirkt eher „bewohnt“, es ist Kleidung, die der Mann schon so gewohnt ist, dass sie seine zweite Haut wurde.

 

Was sehen wir noch? Eine dicke Zigarre, schon zur Hälfte geraucht. In so einem Bild ist nichts zufällig. Manchmal muss man bei der Bildinterprätation seltsames Fachwissen ausbuddeln. Man muss aber nicht alles selbst wissen. Man kann auch Dinge nachlesen oder Spezialisten fragen. Ich habe einen Zigarrenfachmann gefragt. Zigarren haben bestimmte Formate, die mehr oder weniger Standardisiert sind. Hier handelt es sich vermutlich um eine „Robusto“. Wer sich gut auskennt, kann das an dem Verhältnis von Zigarrendurchmesser und Fingerdicke ablesen. Wer das nicht kann, muss jemand fragen, der das kann.

 

Eine Robusto ist eine Zigarre, die man in etwa eine halbe Stunde genussvoll in aromatischen Rauch und Asche verwandelt. Das kann aber auch über eine Stunde dauern. Wenn man den Portraitierten mit dieser Zigarre malt, dann ist sie sicher typisch für ihn und er ist jemand, der sich für seinen Genuss durchaus Zeit nimmt.

 

Wenn wir all das zusammen betrachten, dann sehen wir einen älteren Mann, ernst, aber aufgeschlossen, ruhig, uneitel und geduldig. Das ist dann schon relativ viel Information, die in dem Bild steckt.

Franz von Lenbach, Portrait von Franz von Seitz
um 1878, Öl auf Leinwand, 68.5 cm x 54 cm    
Lenbachhaus, München

 

Dieses Portrait zeigt Franz von Seitz. Was er von Beruf war, darfst Du einfach einmal raten. Weiter unten werde ich das Rätsel auflösen. Vielleicht aber zeigt auch das Bild schon Einiges.

 

Franz von Lenbach war ein sehr erfolgreicher Maler, der von seinen Zeitgenossen vor allem für seine Portraits geschätzt wurde. Er war aber auch in anderen Bereichen der Malerei sehr erfolgreich und gakt als „Malerfürst“ seiner Zeit. Er entwickelte für seine Portraits eine besondere Technik, die an der sich viele Maler orientierten.

 

Wenn wir das Bild betrachten sehen wir eigentlich nur ein Gesicht, das aus einem völlig ungestalteten Dunkel erscheint. Das ist auch irgendwie logisch: Lenbach konzentriert sich auf das wichtige, auf die Figur. Der Bildzusammenhang gerät als unwichtige Nebensache aus dem Fokus.

 

Das Wenige, was aber deutlich sichtbar ist, wird so um so wichtiger: Das ist hier die hohe Stirn und der intensive, stechende Blick. Wie schaut dieser Herr von Seitz?

Er blickt den Bertachter nicht an, er blickt ein wenig zur Seite, als ob er jemanden links neben dem Betrachter mustert. Das direkte Gegenüber wäre der Betrachter, der Gegenstand seines Interesses ist aber weiter weg. Er beobachtet also aus der Distanz – er ist distanziert.

Er blickt sehr aufmerksam und kritisch, mit großem Ernst, aber ohne Anzeichen von Sorge oder Missfallen. Er ist gepflegt, hat aber einen wilden Vollbart. Das war aber damals Mode und sagt nicht viel. Seine betonte hohe Stirn deutet aber an, dass er was im Kopf hat und schlau ist. Natürlich haben viele Leute eine Glatze, doch so wie sie hier im Bild inszeniert ist, als der bestbeleuchteste Fleck, und auch keineswegs flüchtig gemalt, bekommt sie eine größere Bedeutung.

 

Das Bild stellt einen damals sehr bekannten Universitätsprofessor dar, einen Mediziner, der hunderte von Ärzten ausgebildet hat.

Franz von Lenbach, Mädchenporträt

1858, Öl auf Leinwand. 23 x 25,5 cm

Privatbesitz

 

Nur ganz Kurz noch dieses Mädchenprotrait.

Auch hier kann man wieder sehr klar erkennen, wie der Pinselduktus immer schwungvoller und flüchtiger wird, je weiter man den Blich in die weniger wichtigen „Randgebiete“ lenkt. Das Gesicht, besonders um Augen und Nase aber wurde mit höchster Sorgfalt gemalt.

 

Einerseits diese wunderbare Extaktheit und andererseits die Flüchtigkeit, in einem Bild vereint und das auch noch so harmonisch – das ist schon bemerkenswert.

 

Franz_von_Lenbach_Mädchenporträt_1858