Die Bibliothek –

 

 das Schiff im Sturm

 

Auch in der Bibliothek auf Echo-Hall hängt ein Bild:

 

Nun, da sie von Sir Albert nicht mehr überrascht werden konnte, betrachtete sie auch länger das einzige Bild in der Bibliothek. Ein Bild anzusehen machte zwar keinen Lärm und hätte Sir Albert eigentlich nicht stören können. Doch Joana wusste trotzdem nicht, ob es ihm gefallen würde, wenn sie sich einfach vor das Bild stellen würde, um es ausgiebig zu betrachten.

Sie konnte ihn schon fast hören: »Eine Bücherei ist zum Lesen und Forschen. Bildbetrachtungen sind dort fehl am Platze. Bilder kannst du an anderen Orten betrachten. Es hängen ja genügend an den Wänden im Haus.«

Doch zum Glück war Sir Albert nicht da, sodass sie sich in Ruhe dem Bild widmen konnte. Es war recht groß und querformatig. Es zeigte ein Stück aufgewühlte, stürmische See. Die Wellen waren eher grün und braun und trugen weiße Gischthauben. Mitten im Bild aber sah sie ein Segelschiff, ein recht altes, das mit der schweren See kämpfte. Offenbar lief es eine hohe Geschwindigkeit, denn die Segel schienen zum zerreißen gespannt und der Wind legte das Schiff weit auf die Seite.

 

Schon lange hat man sehr gerne Schiffe gemalt. Zum einen ist das Schiff ein sehr schönes Symbol für das Menschenleben, zum anderen kann man natürlich bei diesem Thema auch spannende und dramatische Bilder entwerfen.

 

Besonders beliebt sind die Schiffe im Sturm. Das Thema ist alt. Es hat sich auch aus einem mittelalterlich-christlichen Motiv entwickelt: Dem Sturm auf dem See Genezareth, den Jesus gestillt hat.

Ludolf Bakhuizen Christus im Sturm auf dem See Genezareth

1695, Öl auf Leinwand, 58.4 cm x 72.3 cm

Indianapolis Museum of Art

 

Fangen wir mit einem Bild an, das genau dieses Motiv zeigt. Es ist ein Bild aus den Niederlanden zur Zeit des Barock.

 

Wenn wir uns erinnern, an Caspar David Friedrich: Ein Schiff auf einem Bild kann oft auch als „Lebenschiff“ gesehen werden. Hier kann man das Bild auf zweierlei, vielleicht sogar dreierlei Art deuten: einmal als Symbol für das Menschliche Leben und seine Bedrohung, zum zweiten als Illustration der Geschichte aus der Bibel und vielleicht sogar auf eine dritte Art, nämlich als actiongeladenes Bild voller Dramatik.

 

Doch vor der Deutung kommt immer die Bestandsaufnahme.

 

Wir sehen einen grauschwarzen Himmel unter dem ein Gewässer wild aufgewühlt ist. Die Wellen erscheinen mit zweieinhalb bis drei Metern Höhe für einen See ungewöhnlich hoch zu sein. Am Himmel oben links leuchtet ein Stück orangegelber Himmel nach rechts unten. Dieser Fleck korrespondiert mit einem Streifen helleren Himmels rechts am Horizont auf halber Höhe des Bildes.

 

Wenn man diesen helleren Zonen mit den Augen folgt und sie verlängert kreuzen sie sich links der Mitte, wo das Boot der galiläischen Fischer mit riesigen Wellen und wilder, weißer Gischt kämpft.

 

Das Boot ist offensichtlich in großer Gefahr. Das Segel flattert offenbar wild im Wind und ist kaum unter Kontrolle zu bringen und am Mast sind schon einige Leinen gerissen. Drei Mann und der Steuermann, der sich mit aller Kraft in die Pinne stemmt, kämpfen mit dem Boot, währen von Lee ein weißgekrönter Brecher das Schiff unter Wasser setzt. Drei weitere Männer, darunter der weißhaarige Simon Petrus wenden sich hilfesuchend an einen Jesus, der ein wenig weltfremd und abwesend mit ihnen im Boot sitzt und wirkt, als sei er noch ein wenig verpennt.

 

Tatsächlich berichtet der Evangelist Markus von diesem Ereignis und schreibt, dass er hinten Boot auf einem Kissen schlief, während der Sturm tobte.  Genau dieser Moment ist illustriert.

 

Was auffällt, ist die sehr wilde See. Der See Genezareth ist ein Binnengewässer. Diese Wogen sehen aber eher nach Meereswogen aus und tatsächlich ist die Marinemalerei in den Niederlanden im 16. und 17. Jahrhundert ein eigenständige Bildgattung, die das Publikum begeisterte und eine erste Blüte erreichte. So ist es sicher auch ein dramatisches Seestück.

Johannes Christiaan Schotel, Sturm auf dem Meer

um 1825, Öl auf Leinwand, 124.7 cm x 164.5 cm

Teylers Museum , Haarlem NL

 

Machen wir einen mächtigen Sprung nach vorn und betrachten „Sturm auf dem Meer von Johannes Christiaan Schotel aus dem 19. Jahrhundert. Bemerkenswerterweise könnte das Bild auch schon um einiges früher gemalt worden sein.

 

Das muss einen nicht sehr wundern. Die Technik, Bilder naturgetreu in Öl zu malen, hatten die Niederländer schon lange entwickelt und das Meer ist immer das selbe.

Das Bild ist zweigeteilt. Links sehen wir einen schwarzgrauen Himmel, unter dem ein havariertes Schiff mit den Wogen kämpft. Doch es sieht nicht gut aus: Das Schiff ist schon zum Teil entmastet und befindet sich in dem Bereich, wo das Meer am aufgewühltesten ist. Es ist vermutlich auf eine Untiefe aufgelaufen. Dass es die hier gibt, zeigt die rechte Hälfte.

 

Auf der ist der Himmel blau und ein kleineres, aber intaktes Schiff mit einem großen Mast fahrt über hochgehenden, aber weniger aufgewühlten, dunkleren Wellen nach rechts vorne aus dem Bild heraus. Hinten am rechten Bildrand sehen wir Klippen, an denen schon ein Schiff zerschellt ist. Es ist nur mehr ein Wrack, das schon halb versunken ist und weder Spieren noch Segel mehr am Mast hat. Selbst, wenn es da noch Matrosen gibt, sind sie hilflos dem Wüten des Sturms ausgeliefert.

 

Was vom Drama auf See abgesehen zeigt das Bild. Wieder einmal ist das Schiff Symbol für das Leben und ich denke, hier sehen wir gleich drei Schiffe, die beispielhaft für Schicksale stehen. Es geht darum, den rechten Kurs zu steuern, um im Bild zu bleiben. Wer das schafft, kann sein Lebensschiff auch durch Gefahren und Untiefen steuern. Wer aber unvorsichtig ist oder von der richtigen Route abkommt, der erleidet Schiffbruch und muss untergehen oder stranden.

 

Wieder einmal ein Bild, das auf den zweiten Blick moralisch ist.

 

Louis Verboeckhoven, Ausfahrt der Fischerboote.

vor 1889, Öl auf Holz (Mahagoni),

27,5 x 40 cm

vermutlich in Privatbesitz

 

Ein letztes Bild von Schiffen im Sturm und diesmal ist es ein weniger dramatischeres. Zwar ist das Meer auch hier sehr aufgewühlt und der Wind muss sehr stark wehen. Doch die Schiffe, die wir hier sehen, sind anscheinend nicht in direkter Gefahr. Sie nutzen den heftigen Wind um mit hoher Geschwindigkeit zu segeln. Wir sehen rechts hinter dem größten Schiff im Zentrum des Bildes eine ganze Reihe von ähnlichen Schiffen in immer weiterer entfernt sind . Von manchen sieht man nur mehr ein winziges Segel. Rechts am Bildrand sieht man weiteres Schiff nicht ganz so weit entfernt auf dem Steuerbordbog hart am Wind segeln.

Das zentrale Schiff ist reißerisch inszeniert. Es ist ein kleines Schiff, ein Kutter, ein typisches Fischereifahrzeug, das im des 19. Jahrhundert kompromisslos auf Geschwindigkeit gebaut wurde, um den Fang möglichst frisch in den Hafen zu bringen. Das Schiffchen läuft mit soviel Segeln, wie die straff gespannten Wanten und Staage auszuhalten scheinen und bäumt sich in den Wogen so auf, dass des sehr lange Bugspriet steil nach oben weist. Dennoch sehen wir zwei Seeleute auf dem Kutter, die unverdrossen und unbeeindruckt ihre Arbeit verrichten.

 

Dieses Bild ist offenbar weit weniger als Gleichnis für das Leben gemeint. Es zeigt nur das, was der Titel verspricht: Fischerboote, die den Hafen verlassen. Das ist bei Starkwind sicher ein sehenswerter Anblick, und verspricht eher die Spannung eines Sportereignisses. Wenn wir es doch als Gleichnis des Lebens verstehen wollen – es ist ja nicht verboten – dann wird das Leben hier eher als Herausforderung verstanden, die man mit Kühnheit meistern kann.