Caspar David Friedrich

 

und die deutsche Romantik

Tante Hildas Zimmer ist mit Bildern geschmückt, die sich an Caspar David Friedrich orientieren, dem großen Deutschen Romantiker. Ich denke mir einfach, dass Tante Hilda ein gewisses Gespühr zu gerade dieser diese Stilepoche haben könnte. Diese Kunstrichtung war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden, als Europa nach den Kriegen Napoleons endlich zu etwas Stabilität gefunden hatte. Es war eine Zeit des Aufbruchs.

 

Die Dampfmaschine erlebte ihren großen Aufschwung und die industrielle Revolution begann. Auch politisch begann es zu gären. Immer mehr Menschen wollten in Deutschland den kleinstaatigen Flickenteppich Deutschland in ein geeintes Vaterland umgestalten, mit Freiheit der Presse und Parlament. Ein ein Prozess, der in der Revolution von 1848 einen blutigen Höhepunkt fand.

 

Eine durchaus spannende Zeit also, doch zugleich gab es auch – grade im Bürgertum – eine Flucht ins Private, ins Beschauliche, ins Idyll. „Empfindsamkeit“ war damals eine wichtige Vokabel. Man war für vieles sensibel und wünschte sich eine heile Welt zurück. Man sammelte Volksmärchen aus der „guten alten Zeit“, entdeckte den Wald als mystisches Wunderland, das die „deutsche Seele“ berührte und vor allem das Mittelalter rückte in den Fokus. Burgen, mannhafte Ritter voll Edelmut und Treue, holde Frauen, die man minniglich verehren konnte.

 

Da man aber nicht nur davon lesen und träumen wollte, begeisterte man sich für das, was das Mittelalter übrig ließ und vor allem Burgen und deren Ruinen wurden zu gern besuchten Ausflugszielen.

 

Caspar David Friedrich, er lebte von 1774 bis 1840, war ein Mann seiner Zeit. Seine „Empfindsamkeit“ packte er in Bilder, die den Nerv seiner Generation genau trafen. Er war ein sehr produktiver Maler. Seine Kunst ist also ein Produkt dieser Mode, doch durch ihren Erfolg und weil er sehr viele Künstler beeinflusst hat, war sie gleichzeitig auch ein Motor dieses Massenphänomens.

 

Natürlich ist Romantik mehr als nur Caspar David Friedrich. Doch wenn wir von deutscher Malerei der Romantik sprechen, dann fällt den meisten doch Caspar David Friedrich ein. Auch heute noch ist er einer der beliebtesten Maler seiner Epoche.

 

Das erste und das dritte Bild, oder recht ähnliche findet Joana in Echo Hall.

Caspar David Friedrich: Klosterruine Oybin (Der Träumer)

um 1835, Öl auf Leinwand, 27 cm x 21 cm

Hermitage Museum, St. Petersburg

 

Wir sehen ein stimmungsvolles Bild, das einen Sommerabend darstellt. Das Bild ist vorwiegend dunkel, nur von oben ragt wie ein Keil ein rosaroter Bereich hinein, der Abendhimmel, den zu weiten Teilen eine Ruine verdeckt, Vor allem durch den großen, leeren Fensterbogen sehen wir den Himmel und blicken in die Landschaft. Dürre Bäume wachsen vor dem Fenster. Die Szenerie spielt wohl im Wald.

 

In der Fensterleibung sitzt ein Mann und blickt ins Weite. Er wendet sich vom Betrachter ab. Er wirkt in diesem Fenster winzig.

 

Das Bild strahlt Ruhe aus und ist ein wenig geheimnisvoll. Was sieht der Wanderer? Wer ist es? Wo ist die Szene angesiedelt? All diese Fragen sollen gar nicht beantwortet werden. Der Wanderer hat keine Identität, es kann jeder. Die Ruine ist nicht identifizierbar, auch sie kann überall sein, irgendwo im Wald. Ob es der Schwarzwald sein soll, der Oberpfälzer Wald oder ein anderes Gehölz ist ebenfalls nicht wichtig. Was deutlich bleibt: Das Verhältnis des Menschen zur Ruine im Wald.

 

Der Wald ist sicher nicht zufällig und auch nicht die Ruine. Der Wald ist für die „deutsche Seele“ ein ganz wichtiger Sehnsuchtsort. Dunkel, geheimnisvoll, voller Wunderwesen und Gefahren, aber auch Grundlage einfacher Leute wie Holzfäller und Köhler und Reisigsammler. Die Ruine steht für Alter und den Wandel der Zeiten. Der Mensch davor ist klein, von geringer Bedeutung.

 

Das Bild fordert auf, sich demütig zu zeigen, sich und seine eigenen Leistungen nicht zu hoch zu bewerten.

Caspar David Friedrich: Wander über dem Nebelmeer

um 1817, Öl auf Leinwand, 98 cm x 74 cm

Kunsthalle Hamburg

 

Eins der bekanntesten Bilder von Caspar David Friedrich: Wieder ein Jedermann, der dem Betrachter den Rücken zuwendet. Er ist auf einen Berg geklettert. Steht offenbar auf dem Gipfel und blickt in die Weite der Landschaft. Viel kann er und auch der Betrachter nicht erkennen. In der Ferne verlasst und verblaut die Landschaft zu entrückten Schemen und was näherliegt, versteckt sich größtenteils in wehenden Nebenfetzen. Was man erkennt, ist schroff und unwirklich.

 

Wenn wir das Bild deuten wollen, haben wir nicht viel. Aber das wesentliche ist die Bildsituation.

 

Da will einer sehen, was vor ihm liegt und kann es nicht. Das Bild kann nur zeigen, was die Landschaft vor ihm bereithält. Das Bild meint aber auch sicher die Zukunft des Menschens, die Zukunft jeden Menschens. Die ist weitgehend verborgen, im Nebel des Ungewissen. Und das, denke ich, ist die recht schlichte aussage dieses Bildes:

 

Auch bei allem menschlichem Bemühen und Streben, die Zukunft liegt im Nebel.

Caspar_David_Friedrich_-_Wanderer_above_the_sea_of_fog

Caspar David Friedrich: Auf dem Segler

zwischen 1818 und 1820, Öl auf Leinwand, 71 cm x 56 cm

Hermitage Museum, St. Petersburg

 

 

Noch einmal Caspar David Friedrich. Ein dem Betrachter abgewandtes Paar im Bug eines Segelschiffs auf einem ruhigen Meer, die im Abendlicht auf eine ferne Stadt zulaufen. Das Bild ist voller Ruhe und strahlt Frieden aus. Auch die Farben, es herrschen warme brautöne vor, tragen mit zu dieser Wirkung bei.

 

Schiffe, das werden wir noch in der Bibliothek und im leeren Schlafzimmer sehen, sind gerne auch ein Symbol für das menschliche Leben. Bei Caspar David Friedrich finden wir sie oft in dieser Funktion.

 

Das Paar auf seiner Lebensreise strebt auf eine Stadt, auf ihr Ziel zu. Was ist diese Stadt? Das Ende der Reise, das Ende dieser Lebensfahrt, der Ruhestand? Die Fahrt ist ruhig, aber stetig.

 

Ein Bild also, das die eheliche Harmonie im gemeinsamen Leben versinnbildlicht, das idealerweise auf einer ruhigen See dem Lebensabend zusteuert.

 

Bei aller Symbolik sollte man aber nie außer Acht lassen, dass die Bilder nicht wegen der Symbolik gekauft wurden, sondern weil sie in ihrer ruhigen Art den Leuten sehr gefielen. Dass die Symbolik eher Gemeinplätze umhüllte, gefiel wohl auch, denn ein nicht unwichtiger Asekt der Romantik war auch der Eskapismus

Die Welt war schneller geworden, die Entwicklungen nahmen immer noch mehr Tempo auf. Das Bürgertum hatte plötzlich eine neue Wichtigkeit bekommen, die auch mit Verantwortung einherging und es noch gab es kaum Vorlagen, an denen man sich orientieren konnte. Ist es da ein Wunder, wenn viele Menschen sich verweigerten und sich in eine verklärende Vorstellung einer einfacheren, ruhigeren und problemloseren  Welt flüchteten? Gemeinplätze als Bildaussagen waren da doch genau richtig!

 

Man war zwar „empfindsam“, doch scheute man allzu oft die ernsthafte Auseinandersetzung.