Daphnes Zimmer –

 

Die Nazarener

 

Es dauert eine Weile, bis sich Joana zu einigen Zimmern Zugang verschaffen kann. Einses dieser Zimmer war das der kleinen Daphne. Hier entdeckte sie zwei Gemälde:

 

An der Wand hing ein kitschiges Bild, das Jesus zeigte, wie er Kinder segnete. Ein anderes, genauso kitschig, zeigte einen Schutzengel.

 

Diese kitschigen Bilder gehören zu einer Kunstrichtung des 19. Jahrhunderts, die von einer vorwiegend deutschen Künstlergruppe in Rom vorangetrieben wurde. Diese Künstler nannten sich „die Nazarener“. Die Stilrichtung heißt nach ihnen der Nazarenerstil.

 

Dieser Nazarenerstil war eine Kunstrichtung, die aus der Romanik heraus entstand. Es waren Künstler, die einerseits schwer von Italien begeistert waren, und andererseits nach dem ursprünglichen Christentum strebten.

 

Ich muss gestehen, dass ich selbst eine recht zwiegespaltene Einstellung zu dieser Kunstrichtung habe, die eher rückwärtsgewandt versucht, stilistisch Künstlern wie Raffael nachzueifern und das Christliche bis ins Kitschige zu verklären. Andererseits: Die großen dieser Stilrichtung waren prägend, beeinflussten sehr viele ander Künstler und das Publikum. Sie hatten große Wirkung, auch wenn manches was in ihrer Nachfolge entstand heute beinahe lächerlich wirkt.

 

Ästhetisch finde ich vieles fragwürdig. Andererseits war eine meiner Großtanten dieser Kunst recht zugetan und über diesen Umweg finde ich trotz allem Zugang zu dieser Kunst.

Friedrich Overbeck, Maria und Elisabeth mit Jesus und Johannes
1825, Öl auf Leinwand 146,4 cm x 101,7 cm
Neue Pinakothek, München

 

Dieses Bild ist eines der Werke der Nazanrener, das viele Maler sehr beeindruckt und auch beeinflusst hat. Es ist eines der Hauptwerke des Nazarenerstils.

 

Wir sehen vier Figuren und ein Schaf vor einer Landschaft, die kunstvoll zu einem Dreieck komponiert wurden. Es handelt sich in der Mittelachse um Maria und das Jesuskind auf einem Schaf, rechts Elisabeth und links ihren kleinen Sohn, den späteren Johannes, den Täufer.

 

Das Bild illustriert kein biblisches Ereignis, es erfindet sozusagen eines. Die Bibel berichtet, dass Maria und Elisabeth befreundet waren. Maria besuchte sie während beide schwanger war, verließ sie aber nach der Geburt des Johannes und vor ihrer eigenen Niederkunft. Später erklärt der Bußprediger Johannes Christus zum Messias und tauft ihn.

 

Das Bild stellt Johannes und Christus als kleine Kinder dar. Christus ist mit zwei Attributen ausgezeichnet, mit dem Kreuz und dem Lamm. Er ist das Lamm Gottes und wird sich opfern, um die Welt zu versöhnen. Auch hier huldigt Johannes dem Christuskind, mit gefalteten Händen und auf Knien.

 

Interessant sind die Blicke im Bild. Johannes blickt zu Christus, der blickt aber nicht zurück sondern sieht hilfesuchend zu seiner Mutter. Elisabeth stützt den kleinen Christus, blickt aber auf ihren Sohn. Maria hingegen reicht ihrem Sohn eine Hand zur Stütze, blickt aber eher allgemein auf die ganze Szene.

 

Stilistisch und kunsthistorisch ist das Bild eine Rolle rückwärts. Wie sehr, erkennt man, wenn man das Bild mit Raffaels Kunst vergleicht, zum Beispiel mit diesen zwei Bildern:

Raphael: Die Madonna mit dem Stiglitz.

1506-1507 Öl auf Holz, 107 cm x 77 cm

Uffizen/ Florenz

 

 

Raphael: Madonna im Grünen

1506, Öl auf Leinwand, 113 cm x 88 cm

Kunsthistorisches Museum, Wien

 

Ich will die Bilder gar nicht so ganz genau beschreiben. Doch die Ähnlichkeiten sind unverkennbar: Die Komposition, Farbigkeit, die Darstellung der Landschaft, die weich mit Sfumato Ferne und Weite darstellt, die Komposition und zum Beispiel der seltsam kahle Vordergrund am unteren Bildrand, wo isoliert Blumen und Kräuter wachsen.

 

 

Besonders deutlich wird es aber, wenn man die Bäume betrachtet. diese Bäume sind nicht naturalistisch gemalt. Raffael steht hier noch in der mittelalterlichen Tradition. Man es stellt zwar erkennbar einen Baum dar, aber malt ihn nicht wirklichkeitsgetreu. Es ist wie eine Abkürzung: Man schreibt: TÜV, ohne, dass man „Technischer Überwachungsverein“ ausschreiben muss. Es ist eine formelhafte Darstellung, kein Abbild. Overbeck nimmt ganz bewusst dieses Stilmittel á la Frührenaissance.

 

Raffaeal arbeitet mit Symbolen, und Overbeck macht es ebenso und er legt sogar noch eine Schippe drauf. Raffael bringt bei beiden Bildern ein Symbol der Passion mit ein, im florentinischen Bild etwas dezenter: Da ist es der Stiglitz, der in der christlichen Ikonographie wegen seines roten Kopfgefieders an den mit der Dornenkrone gequälten heiland erinnert. Im Wiener Bild reicht Johannes dem Christuskind einfach das Kreuz. Overbeck kombiniert zwei Symbole auf einmal. Zum einen das Lamm als Symnbol für seinen Opfertod und zum anderen das Kreuz, das auf die Passion hinweist. Auch die Haltung ist durchaus symbolisch: Jesus sitz auf seinem Lamm, er thront. Johannes kniet. Auch bei den zwei Frauen wird differenziert. Elisabeth muss ebenfalls Knien, während Maria stehen darf.

 

Was Overbeck aber tatsächlich neu macht, anders und was den Nazarenerstil dann doch zu mehr macht, als Rückkehr zu den Stilmitteln der Vergangenheit, ist die Behandlung der Figuren: Sie sind noch glatter. Das Bild idealisiert sie noch stärker, als man das in der Renaissance tat. Von Maria müssen wir hier absehen, doch Johannes ist maximal „niedlich“ und auch Elisabeth hat keinerlei „Kantigkeit“ mehr, die man von einem Menschen erwarten könnte.

 

All dies, das erweiterte Personal, die ausgebaute Symbolik und die differenzierte Hierarchie des Personals gelingt ihm dennoch in einer geschlossenen Figurenpyramide, die sich wieder stark an Raffael orientiert, das Thema aber doch noch weiterentwickelt. Lediglich die Haltung des Christuskindes überzeugt mich nicht recht.

Melchior Paul von Deschwanden, Schutzengel bewacht den Schlaf eines Kindes

1859, Öl auf Leinwand, 90 cm x 72 cm

Privatbesitz

 

Melchior Paul von Deschwanden war ein Schweizer Maler und gehört mit zu den Nazarener Malern. Dieses Bild ist eines von den eher sonderbaren Werken.

 

Wir sehen auf Szenerie an einem Bach- oder Flussufer. Im Hintergrund erhebt sich eine Böschung und begrenzt die Szenerie. Wir sehen zwei Figuren. Am Wasser liegt offenbar schlummernd ein kleines Kind im roten Kleid, neben sich, halb im Wasser der große Strohhut. Hinter ihm hockt groß und erhaben in weißem Hemd und grünem Umhang ein Engel mit gefalteten Händen und blickt milde auf die Szene.

 

Kind und Engel sind wieder sehr glatt, und „maximalniedlich“, bzw „superschön“ dargestellt. Dabei macht nicht nur der fast glitschige Farbauftrag die Figuren so süßlich, vor allem auch die Haltung der Figuren, die Positur und Gestik unterstreichen das die salbungsvolle Aussage des Bildes: Der liebe Gott passt auf Dich auf.

Raymond Balze: Lasset die Kindlein zu mir kommen

1866, Gouache, leider ohne Maße

Musée départemental de l’Oise

 

Wie weit ins Seltsame die Überstilisierung getrieben wurde, zeigt dieser Französische Maler. Dies ist ein Gouache-Bild. Also eines, das mit Wasserfarben gemalt wurde. Das erklärt eine gewisse Blassheit und geringere Strahlkraft der Farben. Doch darauf soll es uns nicht ankommen.

 

Die Szene spielt auf einem Platz in einer Stadt, was die Architektur andeutet, die im Hintergrund das Bild begrenzt. Leicht aus der Mitte nach links versetzt aber noch immer zentral sitzt ein bekifft wirkender Heiland, der einerseits auf die Kinder zu seinen Füßen deutet, andererseits mit erhobenem Finger, also überdeutlich, zum Himmel weist. Auch die ihn umgebenden Figuren werden in Haltung und Gestik drastisch übertrieben dargestellt, so dass man meinen könnte, man sehe eine Schmierentruppe bei einem frommen Theaterstück.

 

Das ist natürlich sehr boshaft und damals empfand man diese Bilder ganz anders. Den Stil, den wir heute für Kitsch halten, empfand man zu dieser Zeit ganz und gar nicht so. Es war als Ausdruck höchster Empfindsamkeit und Verinnerlichung. Mögen muss man diese süßlichen, geleckt-glatten Bilder heute natürlich nicht mehr.

 

Doch bevor wir uns aber über diesen Kunst erheben und sie lächerlich machen, sollten wir vielleicht einen Moment überlegen, was womöglich spätere Generationen über unsere Kultur denken werden.

 

Andererseits erinnert mich diese Art auch an etliche Buchillustrationen aus dem fast zeitgleichen Biedermeier.

 

Ludwig Richter: Der Mond ist aufgegangen
1856, Druckgraphik, leider unbemaßt

Man erkennt durchaus gewisse Ähnlichkeiten. Auch hier wird ein unwirkliches Idyll gezeigt, doch hier ist alles weit weniger übertrieben und in den dekorativen Elementen wird schon der Jugendstil vorbereitet.

Dieses Art der Bidermeier-Kunst speist sich aus der selben Quelle wie die Nazarener. Man muss davon ausgehen, dass sich die beiden Stilrichtungen gegenseitig befruchtet haben. Vielleicht haben so die Nazarener so dann doch mehr Existenzberechtigung, als es im ersten Moment scheint.