DIE BADENDE DIANA

ODER „MACH DICH NACKICH!“

Joana bekommt ein Buch über Kunst geschenkt. Spätestens beim Durchblättern des Buches wird ihr klar, dass die Kunst voll von Bildern nackter Menschen ist. Auch die Kunst des Rokoko ist reich an „Nackedeis“.

Die Mythologie der Antike war damals ein sehr beliebtes Thema und da, so meinte man wohl, liefen Götter und Menschen ganz oft nackt oder fast nackt herum. Viele, viele Bilder zeigen Venus, Nymphen oder die Jagdgöttin Diana.
Auch im Salon von Echo-Hall hängt eine Diana und es hat viele Vorbilder. Dies ist ein schönes Beispiel, und es ist etwas Besonderes, denn es ist ein Bild einer der wenigen Malerinnen des Rokoko.

Angelica Kauffmann, Diana und ihre Nymphen beim Baden

um 1778, Öl auf Leinwand, 66 x 66.50 mm

Art Gallery of South Australia, Adelaide

Auch in anderer Hinsicht ist das Bild ungewöhnlich: Es ist sehr klein: kaum breiter oder höher als drei meiner Daumenbreiten. Dennoch ist es ein großartiges Bild. Das beweist, dass man mit Lineal und Zentimetermaß nie die Größe von Kunstwerken messen kann, allenfalls das Format.

Angelica_Kauffmann_-_Diana_and_her_nymphs_bathing_-_Google_Art_Project

Der Titel verrät uns schon, was wir sehen: Die Göttin Diana beim Bad mit ihrem Gefolge aus Nymphen. Diana bzw. Artemis, wie diese Gottheit bei den Griechen hieß, war die jungfräuliche Göttin der Jagd und des Mondes. Sie war die Beschützerin der Tiere, der Frauen und Mädchen.

 

Wer ist aber Göttin und wer ist nur Nymphe? Das ist einfach: Die wichtigste Figur wird meist in die Mitte gestellt und ins beste Licht gesetzt. In der Mitte sitzt die eine Frau mit dem Mond über dem Kopf. Das ist das Zeichen der Mondgöttin – sie ist die Hauptfigur. Aber das hätten wir auch so erkannt, oder? Nur, wenn wir den Titel kennen. Denn es gibt nichts sonst, woran man Diana sonst erkennen könnte. Das kann der Bogen sein und ihre tödlichen Pfeile. Dies sind, neben dem Mond, ihre sogenannten Attribute, ihre Erkennungszeichen.

Das Grüppchen sitzt in lockerer Ordnung fast im Kreise und scheint sich selbst genug zu sein. Man ist gelassen und entspannt sich. Keine der Damen blickt aus dem Bild. Nichts stört sie oder erregt ihre Aufmerksamkeit. Was sehen wir? Eine heitere, aber ruhige, entspannte Frauengesellschaft: So schön und friedlich könnte das Leben ohne Männer sein. Diana als emanzipatorische Vorkämpferin? Eine steile These, hier aber durchaus haltbar.

 

Wenn wir das Bild ein wenig genauer betrachten, dann erkennen wir, wie ausgereift die Maltechnik ist. Beim Hals, der Brust und dem Bauch der Göttin gelingt auf kleinstem Raum ein wunderbar sanfter Übergang der Farben des Inkarnats. (Inkarnat nennt der Fachmann die Haut auf einem Bild!) Wenn wir das Gesicht der Nymphe links daneben betrachten, sehen wir, wie Ancelika Kauffmann mit nur ein paar winzigen, genau gesetzten Tupfen ein ausdrucksvolles Gesicht zaubert. Oder bei der Nymphe ganz rechts der Ellbogen … ein winziger Klecks und aus einer blassrosa Wurst wird ein plastischer, lebensechter Arm. Auch die Frisuren zeigt sich malerische Perfektion! Das ist ganz große Miniaturmalerei!

 

Noch ein kleiner Absatz zur Künstlerin: Man muss sich nicht unbedingt mit der Biographie der Künstler befassen, um ihre Kunst zu begreifen. Wenn es ein gutes Bild ist, steckt alles, was der Betrachter wissen muss, im Bild selbst. Manchmal lohnt es sich aber und bei Angelica Kauffman ist das ganz sicher der Fall. Sie war eine anerkannte Künstlerin in einer Zeit, als es Frauen kaum gelang, mehr zu sein als Deko an der Seite der Männer. 1768 lebte sie in London. Als damals die Royal Academy, die königlichen Kunstakademie in London, gegründet wurde, wurden nur zwei Frauen als Mitglieder berufen: sie und Mary Moser. Etwas später wohnte sie in Rom, wo ihre Wohnung zum Treffpunkt von Künstlern und Adligen wurde: Sie verkehrte mit Kaiser Joseph II,  der bayerische Kronprinz Ludwig, Anna Amalia von Sachsen-Weimar-Eisenach, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Gottfried Herder. Dieser bezeichnete sie als die „kultivierteste Frau Europas“. Sie ist eine großartige Malerin, die leider kaum einer kennt.

 

François Boucher: Diana nach dem Bade

1742, Öl auf Leinwand, 56 cm x 73 cm

Louvre Museum, Paris

Boucher kennst Du nun ja schon recht gut. Dieses Bild ist eines seiner berühmtesten. Mir ist es seit meiner Kindheit vertraut. Es hing als wunderbar gestickte Handarbeit bei meiner Großmutter über dem Sofa. Das Original hängt im Louvre und das kenne ich leider nicht.

 

Wir sehen Diana mit einer ihrer Nymphen, wie sie am Rande eines Sees auf einem sonnigen Fleckchen sich vom Bade ausruht. Diesmal sind ihre Attribute auch auf dem Bild: Im Haar trägt sie einen kleinen Mond, Ihr Bogen liegt neben ihr, Ihre Pfeile sind auch nicht weit, sogar ihre Hunde sind auf dem Bild. Außerdem zeichnet Ihre Jagdbeute, ein Kaninchen und zwei Tauben, sie als Göttin der Jagd aus.

Boucher_Diana

Die Nymphe und die Göttin sind nackt. Der Bildtitel erklärt, warum das so ist: Sie waren eben baden. Doch sie sehen nicht nass aus. Es ist nur ein Vorwand, einen Akt zu zeigen, den unbekleideten menschlichen Körper. Und natürlich geht es auch um die Schaulust, das Vergnügen, nackte, junge Frauen zu sehen. Dieses Bild ist ein wenig frivoler als das von Angelica Kauffmann. Doch es traf den Geschmack des Publikums genau. Und was die Frivolität angeht: Das sah man entspannt. Zum einen entschuldigte das Bild als mythologische Szene die Nacktheit und andererseits gab es noch weit frechere Bilder.   

Zur Komposition noch ein Wort. Boucher hat das Bild sehr schön „konstruiert“. Die Anordnung und Farbverteilung ist ganz sicher nicht zufällig. Es ist oft hilfreich, sich das Bild einfach zu kopieren und dann einmal mit Stift und Lineal ein wenig zu spielen.

 

Schnell sieht man: Wenn man markante Linien im Bild weiterzieht, kreuzen sich sie Striche immer wieder an markanten Punkten. In dem Bild ist kaum etwas willkürlich oder dem Zufall überlassen. Auch wenn es ganz ungezwungen wirkt.

 

(Dieses Spiel mit Stift und Lineal kann man an vielen Bildern mit großem Erfolg spielen.)

 

Für den Salon in Echo-Hall habe ich vor allem an dieses Bild gedacht, aber mit einem Bach im Vordergrund.

Boucher_Diana