Die Bilder im Esszimmer

Viel ist nicht los auf Echo-Hall. Selbst die Malzeiten sind langweilig. Zumindest, wenn der Hausherr, Sir Albert mit am Tisch sitzt.

 

Joana fand das Abendessen sehr sonderbar. Zuhause hätte Mama zum Essen gerufen, und dann hätte man gegessen, gelacht und sich unterhalten. Hier hatte Tante Hilda den Gong geschlagen. Als Joana eintrat, nahm sie die Schüsseln aus einem Speiseaufzug in der Wand, stellte sie auf eine große Anrichte gleich daneben und begann die Suppenteller zu füllen. Inzwischen war Sir Albert erschienen und setzte sich an das Kopfende des Tisches und wies Joana den Platz neben sich an. Als Tante Hilda allen die Suppe gereicht hatte, begannen sie zu essen.

Während der Suppe war kein Wort gefallen und auch beim Hauptgang, einem leckeren Fleischgericht mit Curry und Reis, wurde nur das Nötigste gesprochen, wenn man noch um eine Portion bat zum Beispiel oder, als Tante Hilda den Salzstreuer brauchte.

The_Dinner_Table_(Mr._and_Mrs._Albert_Vickers)

John Singer Sargent: Das nächtliche Dinner

1884, Öl auf Leinwand, 51.4 x 66.7 cm

The Fine Arts Museums of San Franciso

Wenn man sich schon nicht unterhalten darf, sucht man sich andere Möglichkeiten der Ablenkung. Zum Glück hängen in Echo-Hall fast überall Bilder. Auch im Esszimmer. So lässt Joana die Augen schweifen und schaut sich die Gemäde an den Wänden an.

 

Es waren altmodische Bilder in schweren Rahmen und sie hatten alle mit Essen oder Küchenarbeiten zu tun. Hinter Sir Albert sah sie ein Bild mit einem Teeservice, einer Schale Konfekt und Früchten. Über Tante Hildas Schulter war auf einem Bild ein Jagdgewehr und ein totes Kaninchen, die auf einem Küchentisch voller Zwiebeln, Karotten und Pastinaken lagen. Daneben, genau vor Joana, hing ein Bild, das eine junge Frau zeigte, die wohl auf einem Schemel vor einer Wand saß. Sie sah aus wie eine Küchenmagd und rupfte eine Ente.

Besonders dieses Bild wirkte seltsam. Als Joana mit der Schule ein Museum besucht hatte, hatte man ihnen ein Gemälde gezeigt, das die Betrachter mit seinen Augen durch den Raum zu verfolgen schien. Das war damals ein seltsames Gefühl gewesen. Hier empfand Joana es ähnlich, aber doch ganz anders – heimlicher. Denn hier waren die Augen der Küchenmagd gar nicht richtig zu sehen. Die Magd blickte auf die Ente in ihrem Schoß. Dennoch glaubte Joana, dass sie von ihr verstohlen aus den Augenwinkeln beobachtet wurde.

 

Die Bilder, die nur Sachen zeigen, die sich rund ums Essen drehen, nennt man Stillleben. Es gibt aber auch Stillleben, die ganz andere Sachen zeigen. Bücher, Musikinstrumente, Blumen, Schmuck oder Kunstgegenstände und sogar Krimskram. Wichtig ist: Ein Stillleben zeigt (normalerweise) keine Menschen. Sie sind sehr dekorativ, aber man kann noch einiges mehr in ihnen entdecken.

Das Bild mit der Küchenmagd wird in der Geschichte noch sehr wichtig. Darum will ich Dir zeigen, wie genau ich es mir vorgestellt habe.