das Zimmer eines Herren –

das Bild vom Hafen

Bei Ihren Safaris durch das Haus entdeckt Joana im ersten Stock ein Schlafzimmer, das offenbar schon lange nicht mehr benutzt wurde. Beim Schreiben, ich muss es gestehen, habe ich mich nie gefragt, wer hier wohl gewohnt haben mag. Vielleicht war es das Schlafzimmer von Sir Alberts Vater … wer weiß?

An der Wand mit der Blumentapete hing ein Bild, das einen Hafen zeigte, voller großer Segelschiffe mit kahlen Masten und ihrer spinnwebhaften Takelage und die Dampfschiffe mit den schwarzen Schornsteinen, aus denen schwarzer Qualm aufstieg. Was Joana am besten gefiel, war wie das Bild das strahlende Licht über dem Wasser einfing.

 

Schiffe sind und waren in der Kunst ein seit dem Barock ein wichtiges Thema und waren oft auch als Symbol gemeint. Das Schiff wurde oft als Sinnbild für das menschliche Dasein verstanden. Mit seinem Lebenschiff bricht mancher voller Hoffnung zu neuen Ufern auf, einige erleiden Schiffbruch und andere gelangen am Ende der Reise glücklich im sicheren Hafen an. Auch Joana entdeckt ein solches Bild.

 

Bei dem Bild im Buch habe ich ein paar Bilder, die ich im Kopf vor mir sah, zusammengewürfelt. Eines davon war dieses:

 

An dieses Bild habe ich gedacht, vor allem an die Dunststimmung über dem Wasser.

J. M. W. Turner, Die letzte Fahrt der Temeraire

1839, Öl auf Leinwand, 90.7 cm x 121.6 cm

National Gallery, London

 

Turner ist ein Sonderfall und passt nicht recht in die gängigen Schubladen. Einerseits war er ein geschickter Maler und malte konventionelle Bilder, in denen sehr schön und deutlich die Wirklichkeit lebensgetreu abgebildet wird. Doch andererseits sprengt er immer wieder die künstlerischen Konventionen seiner Zeit. Er fängt immer wieder Stimmungen ein, malt nicht so sehr, das was er sieht, sondern das was er fühlt. Er bereitet damit den Weg für den Impressionismus vor. Er war seiner Zeit weit voraus, ohne dass er es natürlich wusste.

Dieses Bild ist recht kompliziert und hat eine Vorgeschichte, auf die der komplette Titel hinweist: .„Die Kämpfende Temeraire wird zu ihrem letzten Liegeplatz geschleppt, um abgewrackt zu werden, 1838.“ Doch diese Geschichte muss uns nicht interessieren. Lass uns einfach festhalten: Ein Segelschiff wird abgeschleppt, um verschrottet zu werden.

 

Was sehen wir? Wir sehen viel Himmel und wenig Wasser: Der Hoizont ist recht tief. Zudem spiegelt sich der Himmel im Wasser. In der linken Bildhälfte sehen wir einen Raddampfer mit hohem, schwarzem Schlot und dahinter, heller ein großes Segelschiff, das aber keine Segel gesetzt hat. Es wird offenbar vom Dampfer geschleppt.

 

Die rechte Bildhälfte ist recht leer. Eine Boje schwimmt da im Wasser im Hintergrund erkennt man schemenhaft eine Stadtsilluette. Beherrscht wird diese Bildseite von der tiefstehenden und wolkenverhangenen Sonne, die das Bild in ein weiches Licht taucht. Die rechte Seite ist also bestimmend für die Stimmung im Bild.

 

Alles im Bild ist etwas unscharf, aber es gibt einen klaren Gegensatz im Bild: den von hell und dunkel bei den Schiffen. Das jüngere, kleinere Dampfschiff zieht nicht nur eine schmutzige Rauchfahne hinter sich her, es ist auch braun-schwarz. Das zum Tode verurteilte Segelschiff hingegen wirkt hell, mit weißen Masten, schimmernden Reflexen und goldenen Akzenten. Allein die Farben verraten, wo die Sympathien des Malers lagen.

 

So hat das Bild eine etwas eigenartige Stimmung, in der sich Erhabenheit mit Melancholie mischt.

 

Wenn Du wissen willst, was es mit Bild und dem Schiff darauf genau auf sich hat, habe ich hier noch zwei Links. Für den zweiten solltest Du aber schon recht gut Englisch können.

Das nächste Bild geht am ehesten in die Richtung, wie ich mir das Bild vorgestellt habe. Es ist ein im Verhältnis zu den anderen ein recht junges Bild und vielleicht eines, das am wenigsten mit Symbolik belastet ist. Es ist schon eher eine Vedute, eine Stadtansicht

Charles de Lacy, Schiffe auf der Themse im Morgengrauen mit dem Tower of London

1883, Öl auf Leinwand, 52 cm x 76,3 cm

vermutlich in Privatbesitz

 

Wir blicken über die dunstige Themse auf den Tower im Morgenrot. Im Mittelgrund segeln ein Kutter und eine Brigg, ein zweimastiges Handelsschiff auf der Themse vom Betrachter weg. Dahinter fährt, halb verdeckt, ein Raddampfer in die Gegenrichtung.Im Hintergrund erkennen wir weitere Segel und fast überall die Rauchsäulen der Dampfboote aufsteigen.

 

Irgendwo hinter der Feste des Tower of London geht die Sonne auf. Wir blicken also nach Osten

Irgendwo hinter der Feste des Tower of London geht die Sonne auf. Wir blicken also nach Osten. Wer sich in London auskennt, oder einen Stadtplan hat, weiß nun, wo der Standort des Betrachters ist: Am Südufer der Themse an der London-Bridge, unten am Ufer. Auch die Tatsache,dass wir genau wissen, wo der Maler stand, spricht dafür, dass hier die Ansicht der Stadt gezeigt werden sollte.

 

Das Bild ist dem von Turner ähnlich und doch von der Stimmung ganz anders. Obwohl das Licht alles zu beruhigen scheint, herrscht der frühen Morgenstunde zum Trotz rege Betriebsamkeit. Man erkennt es an nicht nur an den vielen Rauchsäulen. Der wichtigste Hinweis ist die Tatsache, dass sich die Schiffe im Vorder und Mittelgrund sich überschneiden. Das wirkt nicht statisch, da sind sich kreuzenden und Gegenläufige Bewegungen erkennbar, eine sanfte, aber deutliche Dynamik. Es rührt sich was auf dem Wasser und man sieht es.

 

Und das ist auch schon die Bildaussage: Der Hafen erwacht, ein Arbeitstag beginnt.