Idealisierte Landschaften –

 


Bilder von Arkadien und heroische Landschaften

 

Tante Hildas Zimmer ist mit Bildern geschmückt, die sich an der deutschen Romantik orientieren. Idealisierte Landschaften waren damals ein beliebtes Thema, auch wenn es sie schon eine ganze Weile zuvor gab.

 

Heroische und arkadische Landschaften sind verwandte Bildthemen, die jeweils stark idealisierte Landschaftsvorstellungen präsentieren. Diese Bildthemen sind inzwischen fast ganz aus der Mode gekommen. Entstanden sie sie im Späten Barock bzw. im frühen Rokoko

 

Bis zur Renaissance spielte die Landschaftsmalerei eine sehr untergeordnete Rolle. Im Mittelalter malte man Herrscher und Heilige. Die Landschaft war da oft nur angedeutet. Was man aber ab der Spätgotik gerne malte, waren „Weltlandschaften“, in den ein Land vom Hochgebirge bis zum Ozean gezeigt wurde. Die darin gezeigte Szenerie war – das wollte man damit ausdrücken – bedeutsam für die ganze Welt.

 

Die Darstellung der Landschaft war zu Beginn dieser Entwicklung aber oft nur wenig naturgetreu. Es war zwar klar, dass man Berge sah oder Bäume, doch echte Berge und Bäume sahen meist etwas anders aus. Es ist irgendwie so ähnlich wie eine Eisenbahnlandschaft. Da erheben sich auch ganz unmotiviert hinter dem Bahnhof schroffe Berge. Es gibt auch viel mehr Tunnels als im wirklichen Leben und die Bahnhöfe stehen in Städten, die nur aus fünf oder sechs Häusern bestehen. Die Einzelheiten stimmen zwar alle, nur im Zusammenhang wird es dann zu einer stark verkürzten Darstellung.

Giotto di Bondone:

Die Reise von Maria Magdalena nach Marseille
um 1320, Fresco, leider unbemaßt
Untere Basilika des Heiligen Franziskus, Assisi

 

Giotto ist einer der großen Künstler an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Dieses Fresko, das eine Episode aus der Heiligenlegende von Maria Magdalna zeigt, in der sie auf wundersamerweise in einem Boot ohne Segel oder Ruder von Palestina nach Südfrankreich fährt, zeigt sehr schön wie man im Mittelalter mit der Landschaft umging:

 

Weder die Bäume, noch Stadt, Boot oder Berge sind naturgetreu gemalt. Es sind recht formelhafte Darstellungen.

 

Natürlich könnte man über das Bild und Giotto könnte man natürlich noch sehr viel mehr schreiben, doch in diesem Zusammenhang soll es damit genug sein.

Etwas später machte man es dann auch bei den Weltlandschaften gerne: Man komponierte sich aus Versatzstücken wie Felsen, Burgen, Tempeln, Flüssen, Buchten seine idealen Landschaften zusammen und stellte noch ein bisschen Personal hinein – fertig.

 

Spätestens ab dem Barock legte man aber Wert auf überzeugendere Abbildungen. Da sollten dann Berge wie Berge aussehen und Bäumen. Man unterschied schon in die arkadischen und heroischen Landschaften. Eine der arkadischen Landschaften sehen als nächstens. Es ist übrigens auch zugleich eine Weltlandschaft.

Vittorio Amedeo Cignaroli: Pastorale Szene

zwischen 1750 und 1800, Öl auf Leinwand, leider unbemaßt

Museo di Arti Decorative Accorsi in Turin

 

Arkadische Landschaften verklären das einfache Landleben und beschwören das goldene Zeitalter herauf, eine Ära der Friedfertigkeit, Fülle und des sorglosen Lebens in Bescheidenheit. Sie sind damit verwandt mit den Schäferbildern, die damals so in Mode waren. Doch hier liegt der Fokus eher auf dem Gesamtzusammenhang. Die fröhlichen Landleute gehören dazu, sind aber nicht die Hauptsache im Bild.

 

Es soll friedlich sein in dieser Welt. Tatsächlich ist nichts aufregendes oder Spektakuläres im Bild. Vieh weidet, die Leute gehen ruhig ihren Aufgaben nach. Über allem wacht in der Ferne ein Burg, die aber nicht recht trutzig oder bedrohlich wirkt. Das Wetter ist angenehm und das Meer ist ruhig.

 

Es ist die Verklärung eines friedlichen Daseins in Bescheidenheit. Nicht sehr viel Aussage für ein sehr schönes Gemälde. Doch nicht immer muss ein Bild ja bedeutungsschwanger sein.

Joseph Anton Koch, Heroische Landschaft

1812, Öl auf Leinwand

188 cm x 171.2 cm

Neue Pinakothek, München

 

Dies ist eine heroische Landschaft. Eine Heroische Landschaft soll etwas dramatisches zeigen, etwas „Heldisches“, soll den würdigen Rahmen bilden für die dramatischen Wendepunkte der Geschichte. Auch hier wird wieder idealisiert und mit Versatzstücken gearbeitet, nur will man diesmal etwas anderes ausdrücken.

 

In dieser Heroischen Landschaft wird dem Auge allerhand geboten. Man blickt von einer Anhöhe wo einige Landbewohner mit ihren Tieren lagern weit ins Land. Über allem prangt ein doppelter Regenbogen. Im Mittelgrund des Bildes sehen wir Fischer auf einem See, weiter hinten erhebt sich immer weiter den hohen Berg hinauf eine große Stadt. Allein der Aufbau der Stadt birgt in sich eine gewisse Spannung. In der Stadt weit oben und auch in der nächsten Stadt, die weiter links im Hintergrund sichtbar ist, sehen wir Rauch aufsteigen. Dort brennen die höchstgelegenen Teile der Stadt, das sind normaler weise die Paläste.

 

Das Landvolk und seine Tiere sind unruhig, das Geschehen in der Ferne wird beobachtet und man scheint sich zum Aufbruch bereit zu machen. Will man dort hin? Will man fliehen? Nichts im Bild wirkt bedrohlich, was gegen das Fliehen spricht.

Uns helfen zwei Symbole bei der Deutung: Die Regenbögen und die Vögel. Im Himmel unter den Regenbogen erkennen wir große Vögel, die Schlangen im Schnabel haben. Sie reinigen das Land von Ungeziefer und befreien es von diesen gefährlichen Kriechtieren. Der Regenbogen kündigt besseres Wetter an, bessere Zeiten. Nun macht auch der Aufbruch im Bildvordergrund Sinn.

 

Wir sehen ein Land im Aufbruch in eine Bessere Zeit. Die Paläste brennen, man lässt sich nicht mehr unterdrücken und die Ausbeuter und Schmarotzer werden vertrieben. So entpuppt sich dieses Bild plötzlich als höchst politisch und wenn man den Kontext bedenkt, die Napoleonischen Ära, in der alte Regime gestürzt und das Bürgertum deutlich gestärkt wurde, bekommt es sogar einen revoluzzerischen Zug.