DAS BILD MIT DER MAGD UND DER ENTE

 

GENREBILDER

Das Bild mit der Küchenmagd mit der Ente gibt es so, wie ich es beschrieben habe, meines Wissens nicht, aber es gibt mehrere ähnliche Bilder.

Das  Bekanntesten ist sicherlich dieses:

Johannes Vermeer: die Magd mit dem Milchkrug

etwa 1660, Öl auf Leinwand, 45.5 cm x 41 cm

Rijksmuseum Amsterdam

 

Wir sehen einen Winkel in einem Raum, links ist ein Fenster. Ein paar Haushaltsgegenstände sind abgebildet. Auf einem Tisch stehen Brot und mehrere Krüge. Eine Magd in gelbem Mieder, rotem Rock und blauer Schürze gießt aus einem Krug Milch in eine Tonschüssel.

Johannes Vermeers Milchmädchen ist Vorbild für eine ganze Reihe dieser Bilder von arbeitenden Hausmägden.

Das Bild besticht durch seine gelungene Lichtführung. Schau: Das Licht im Bild ist hell, aber nicht grell. Es wirkt sanft und bringt die Farben zum Strahlen.

Die Magd steht an einem Tisch und gießt aus einem Krug konzentriert und ruhig Milch in ein Gefäß. Es blickt, anders, als bei den meisten Bildern, weder zum Betrachter noch zu einer weiteren Figur im Bild. Die Magd wirkt still, so, als wäre sie ganz bei sich und ihrer Arbeit.

So kann man sie durchaus als vorbildliche Hausangestellte ansehen.

Als ich im Buch meine Entenrupferin erfand, dachte ich auch an dieses Bild.

 

VerMeer_Magd

Das Bild gehört zur großen Gruppe der Genrebilder. Früher nannte man sie auch Sittenbilder. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie eine Alltagsszene als Thema haben. Und tatsächglich ist eine Haushaltshilfe bei der Arbeit weiß Gott keindenkwürdiges Ereignis.

 

Dennoch erfreuten sich Genrebilder großer Beliebtheit. Fischer mit ihren Netzen, Wirtshausszenen, Kartenspieler, Bauern bei der Heuernte, Weinprobe im Keller mit Fässern, die Themenpalette ist schier endlos. Für historisch Interessierte sind die Bilder tolle Einblicke in die Alltagswelt vergangener Zeiten. Doch die Dokumentation ihres Lebens war sicher nicht das vordringlichste Anliegen der Maler.

 

Was also wollten sie zeigen?

 

Die Antwort ist leider sehr schwammig: Es kommt ganz darauf an. Manche Bilder zeigen eine idealisierte Welt, in der man froh und ohne Sorgen lebte und arbeitete, eine Art goldenes Zeitalter. Andere Bilder sind moralisierend und zeigen Tugenden und – noch beliebter – Laster, damit sich der Betrachter im vollen Bewusstsein der eigenen Rechtschaffenheit empören kann. Manchmal zeigen die Bilder auch einfach nur lustige Situationen, merkwürdige Typen und bemerkenswerte Begebenheiten oder sie fangen den Frohsinn einer feuchtfröhlichen Runde ein.

 

Dieses Bild? Es zeigt die Magd, wie sie konzentriert arbeitet. Ich sehe das Bild als Darstellung der Arbeitstugenden einer Hausmagd: Still, fleißig und unabgzeigen wollteelenkt auf die Arbeit fokussiert. Doch der besondere Reiz liegt hier nicht in der Bildaussage. Wie bei vielen Stillleben ist es einfach einwunderschönes Bild.

 

Hier gefallen mir das Spiel mit Licht und Farbe, die gelassene Ruhe und die fast schon meditative Stimmung, die das Bild transportiert.

Die Rübenputzerin ist ebenfalls ein Bild, an das ich bei dem Bild mit der Magd und der Ente gedacht habe. Sie kenne ich sozusagen persönlich, ihr Bild zumindest. Und ich mag es sehr.

Jean-Baptiste-Siméon Chardin: Die Rübenputzerin

circa 1740, Öl auf Leinwand, 46.2 cm x 37 cm

Alte Pinakothek München

 

Das Bild zeigt ein Küchenmädchen, das Rüben putzt und in eine Schüssel vor sich schneiden soll. Im Moment, den der Maler gerade einfängt, macht sie aber gerade Pause. Die Rübe, die sie in Arbeit hat, hält sie in den Fingern. So kann sie weder schälen, noch kleinschneiden.

 

Anders als bei Vermeer ist dieses Dienstmädchen nicht als vorbildliche Hausangestellte gezeigt. Eine tüchtige Magd wäre fleißig. Die sitzt nicht verträumt auf dem Stuhl und kuckt Löcher in die Luft. Auch die herumliegenden Reste und die schmutzige Schürze sprechen dafür, dass dieses Mädchen nicht als leuchtendes Ideal für Küchenhilfen gemalt worden ist.

 

Achte auch hier wieder auf das Licht. Es scheint von links vorne zu kommen und zeichnet scharfe Schaffen auf die Schürze. Die Wand  dagegen bleibt dunkel und es gibt keine klaren Schatten auf ihr.

Chardin_Rübenputzerin

Trotz allem ist es durchaus sympathisches Bild. Man könnte meinen, der Maler hätte zumindest Mitleid, wenn nicht sogar Verständnis für das Mädchen.

 

Es warten nicht nur weitere Rüben auf das Mädchen, auch große Kartoffeln und ein Kürbis wollen bearbeitet werden. Da solche Küchenmädchen meist vor Tag und Tau aufstanden und die Liste ihrer Pflichten sicher sehr lang war – das Gemüseputzen war sicher nur ein keiner Teil – wollen wir ihr diese kleine Pause gerne gönnen.

 

Es gibt noch ein Bild, das vielleicht am Besten zeigt, wie ich mir das Bild der Entenrupferin vorgestellt habe. Dieses andere Bild entstand kurz vor dem Vermeer.

Nicolaes Maes: Junges Mädchen beim Äpfelschälen

1655, Öl auf Holz, 54.6 cm x 45.7 cm

Metropolitan Museum of Art, New York

 

So hübsch und innig dieses Bild auch ist, von der Lichtführung und den Farben ist es leider ganz so nicht so gelungen. Das Licht in diesem Bild ist nicht schlecht eingesetzt, es fällt sanft links ins Bild herein, doch ist das Bild eher dunkel und „konventionell“.

 

Der Vergleich zeigt, wie toll Vermeer es gemacht hat. Aber jetzt Schluss mit dem Licht.

 

Was sehen wir? Das Bild zeigt ein Mädchen, das im Winkel einer Küche oder eines Zimmers sitzt, auf einem Tisch neben sich in einem Korb Äpfel und in der Schürze auf dem Schoß noch weitere. Am Boden auf der anderen Seite steht ein Kübel für den Abfall.

 

Wie bei Vermeer ist sie auf ihre Arbeit konzentriert und blickt den Betrachter nicht an. Auch hier wurde ein Bild eines fleißigen, tugendhaften Mädchens auf die Leinwand gebracht.

 

 

Das Bild mit dem Mädchen und der Ente im Buch vereint etwa die Pose von Maes mit dem etwas größeren Raum und dem schöneren Licht bei Vermeer.

 

 

Ein letztes Bild will ich nachreichen, weil es ähnlich ist, aber eben genau nicht das darstellt, was ich zeigen wollte:

 

Barent Fabritius: junges Mädchen beim Rupfen einer Ente
1645, Öl auf Leinwand, 84.1 cm x 70 cm
Dallas Museum of Art

Natürlich ist auch dieses Bild sehenswert und schön. Auch hier wird ein Mädchen gezeigt, das konzentriert seine Arbeit verrichtet. Auch hier ist es wieder ein Maler aus den Niederlanden, aus dem Barock.

Doch ein paar entscheidende Dinge sind anders:

Zum einen ist der Betrachter vom Mädchen im Bild getrennt. Es steht hinter einer Mauer und schaut aus einem Fenster. Den Fensterladen sieht man rechts am Bildrand. So ist der Raum, in dem das Mädchen sich befindet, für den Betrachter verschlossen. Für die Idee meines Buches  ist diese Bildidee damit komplett ungeeignet.

Zum anderen ist dieses Mädchen keine Haushaltshilfe. Es muss die Hausherrin oder vielleicht die Tochter eines begüterten Haushalts sein. Sie trägt ein Haarband mit einem Netz und hat eine kostbare Perlenkette um den Hals. Zweireihig sogar.

Diese Kette ist rot. Ich denke, hier ist die Farbe ganz sicher nicht zufällig ins Bild geraten. Zwar tragen auch die anderen Mädchen Rot – als Rock oder als Wams. Doch dort war es einfach nur Kleidung. Hier ist es mehr.

 

Korallen sind ein Attribut der Venus, und das selbe Rot der Kette prangt auch auf den Lippen. Diese Farbe der Liebe im Zusammenhang mit nackter Haut macht dieses  Mädchen selbst bei der Hausarbeit und trotz ihrer Zurückhaltung zu einer sinnlichen, verführerischen Person. Sehr dezent, aber doch unübersehbar. Zumindest, wenn man weiß, worauf man achten muss. Nun bekommt auch die räumliche Trennung durch die Wand mit dem Fenster eine neue Bedeutung:

 

Das Bild spielt so mit Anziehung und Verweigerung, Attraktion und Distanz. Das ist das Prinzip des Flirts. Das war immer schon so. Auch im Barock und auch in Holland.

 

All das macht diese Bild zu etwas grundlegend Anderem als dem, was ich mir vorgestellt hatte, obwohl es doch eigentlich fast das Gleiche zeigt.