Master Ruperts Zimmer –

 

über Wasserfarben

 

Noch ein kleiner Exkurs zum Thema Wasserfarbe. In der Schule wird viel mit Wasserfarbe gemalt. Und auch viele Künstler malen mit Wasserfarben. Man unterscheidet Deckfarben, Aquarellfarben und Gouache. Deckfarben kennst Du ja sicher.

 

Besonders beliebt sind diese Farben – auch bei Künstlern – weil man mit ihnen mit wenig Aufwand malen kann: Ein Tisch, Einen Malblock, ein Glas Wasser, ein Farbkasten mit ein paar Pinseln, ein Lappen und ein Motiv, schon kann man loslegen. Man braucht weder Farbtuben, noch eine Palette, kein stinkendes Terpentin und keine sperrige Leinwände.

 

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Am Eindrucksvollsten sind – finde ich Aquarelle, denn sie wirken meist leicht, zart und verstrahlen, wenn sie gelingen, einen wunderbaren Zauber.

 

Bei ihren Safaris stößt Joana auch auf ein Aquarell. In Master Ruperts Zimmer.

 

Ein Bild gab es. Es war aber nicht mit Ölfarben gemalt, sondern mit Wasserfarben, ganz zart und durchsichtig. Mama hatte solche Bilder gemocht und sie Aquarelle.

Dieses hier zeigte eine Stadtmauer mit einem großen Tor, das sehr orientalisch aussah, fast wie aus Tausend-und-einer-Nacht. Hier tummelten sich ganze Massen von Menschen, ein richtiges Gewusel. Joana mochte das Bild leiden, denn es war lebendig, exotisch und – weil die Wasserfarben die Formen nicht ganz so scharf und genau zeichneten, wie es sie es bei Ölgemälden gewohnt war, auch ein wenig rätselhaft und wirkte fast ein wenig verzaubert.

 

Lass uns ein paar Bilder mit Motiven aus Nordafrika betrachte, die mit Wasserfarben gemalt wurden.

 

Warum Nordafrika? Wie viele andere Bereiche des Lebens ist auch die Malerei gewissen Moden unterworfen. Das haben wir mit den Schäferbildern im Rokoko ja schon kennengelernt. Gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Nordafrika – Tunesien, Algerien, Marokko und Ägypten – ein Sehnsuchtsort für Europäer. Es war extotisch, orientalisch und vor allem gut erreichbar! Die feine Gesellschaft reiste und man fuhr sehr gerne auch dorthin. Auch Künstler reisten dahin und füllten ihre Skizzenbücher. Nicht selten konnten sie von einer Sommerreise von ein paar Wochen jahrzehntelang zehren und immer neue Bilder malen. Auch in Wasserfarben.

Louis Comfort Tiffany, Geschäfte in Algerien
etwa 1872-1887 Aquarell mit Pinsel, Tinte und Kreide auf Karton, 53,8 cm x 79,2 cm
Baltimore Museum of Art, USA

 

Kennst Du Tiffany-Lampen? Die hat der Maler dieses Bildes „erfunden“ und wurde vor allem mit seiner Glaskunst berühmt. Damit wurde der Weg für die amerikanische Version des Jugendstilsbereitet.

 

Auch Tiffany reiste nach Nordafrika. Und er konnte malen. Sogar recht gut, wie ich finde. Ich gestehe, dass ich ihn erst bei der Vorbereitung von Joanas Bilderparade als Maler kennengelernt habe.

Dies ist eines der Bilder, die damals oder danach entstanden. Für ein Aquarell ist es recht groß. Es ist eine Mischtechnik. Der größte Teil des Bildes ist mit Aquarell gemalt. Vermutlich sind die tiefdunklen Stellen mit Tinte eingefärbt, weil die besser deckt. Wo die Kreide eingesetzt wurde, kann ich leider nicht erkennen.

 

Wir sehen eine Straße mit hohen Häuser. Himmel ist keiner sichtbar, doch es scheint die Sonne.
Die Szenerie ist belebt. Mittig am unteren Bildrand sitzen drei Figuren, zwei Männer und eine Frau, die eine kleine Menge Früchte zu verkaufen scheinen. Rechts und im Hintergrund sind Passanten abgebildet. Man meint, eine Blickverbindung zwischen dem dunkel gekleideten Passanten und dem hellgekleideten Sitzenden auszumachen, doch genau kann man es nicht sagen. Die Läden im Erdgeschoss haben Körbe und eine Vielzahl von Waren ausgestellt, während sich darüber orientalisch geschwungene Fenster öffnen.

 

Was macht dieses Bild sehenswert? Es ist nicht einfach auszumachen. Natürlich ist die Stimmung sehr gut eingefangen, das Spiel von Licht und Schatten, die „pittoreske“ Straßenszene …

Vielleicht ist es das gelungene Spiel mit der Perspektive, die eben nicht starr und gerade erscheint, sondern durch die Kurve der Straße ebenfalls zu einer geschwungenen Linien gezwungen wird. Eine ungewöhnliche, aber effektvolle Komposition.

Ich will versuchen, zu zeigen., was ich meine:

 

Vielleicht ist es das gelungene Spiel mit der Perspektive, die eben nicht starr und gerade erscheint, sondern durch die Kurve der Straße ebenfalls zu einer geschwungenen Linien gezwungen wird. Eine ungewöhnliche, aber effektvolle Komposition.

 

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Jenő Koszkol (1868 – 1935): Straße in Tunis,
leider undatiert
Aquarell auf Papier, 61 cm x 43 cm
in Privatbesitz

 

Dies ist, wie ich finde ein sehr schönes Aquarell. Die zarten Farben werden nur in den Schattenpartien dunkel. Es ist ein hübsches Bild, eine stille Alltagsszene in einer Nebenstraße der Medina.

Was auffällig ist, ist, die Bildaufteilung. Die beiden Bilddiagonalen sind stark betont und auch die Diagonalen von der seitlichen Bildmitte zu den unteren Ecken. Bitte beachte auch, wie er Mast genau da endet, wo er die Diagonale berührt.

Es ist ein – finde ich – sehr gelungenes Bild, zwar kein großartiges und mitreißend Bild, das irgend ein Drama darstellt aber es ist in sehr harmonisch: Sowohl in der Komposition als auch in der Farbigkeit ist es wunderbar ausgewogen.

Koszkol_Konstrukt

Unbekannter Künstler (Signatur Mestl oder Nestl) ,Marokkanische Szene
1916, Aquarellfarbe auf Papier, 21,3 cm x 16,8 cm
Im Besitz von Alexander Bálly

 

Dieses Bild habe ich geerbt. Es zeigt eine Straße in einer marokkanischen Stadt. Besonders auffällig ist der  aufwändig dekorativ gemauerte Torbogen, der Das Bild beherrscht. Man könnte annehmen, dass das Bild ähnlich aufgebaut ist, wie das vorherige aus Tunis. Das ist aber nur zum Teil richtig. Die Diagonalen sind hier weit weniger wichtig als die Diagonalen. Statt dessen beherrschen eher rechtwinkligen Kanten und Linien der Gebäude den Gesamteindruck.

 

 

Der Duktus des Pinsel in diesem Bild ist recht flüchtig und erinnert an den Impressionismus. Besonders schön erkennt man diese gelungene Mischung aus Zufälligkeit und Absicht, wenn man die Menschen der Straßenszene näher betrachtet. Überhaupt ist das Bild recht lebhaft und die Szene auf der Straße wird der Szenerie durch die Flüchtigkeit der Gestaltung zusätzlich Leben eingehaucht.

 

Bei näherer Betrachtung fallen die vielen beschrifteten Schilder in den Türen oder über der Straße auf. die ein eher französisches Flair verbreiten. Ich vermute, dass das das Bild für den Französischen Markt gemalt wurde und möglichereise aus Paris stammt. Dort gab und gibt es einen regen Kunstbetrieb. Ich vermute, meine Großeltern haben es dort auf einer Reise gekauft. 

Tunesiches_Tor_b

Mein eigenes Bild

Dem Bildchen gelingt es gut, das bunt exotische Straßenleben einzufangen. Man sieht Straßenhändler, Waren werden geschleppt, ein Kamelreiter betritt die Szenerie und links sitzen unter roten Fezen Herren bei Tee und Shisha.

 

Ich kenne das Aquarell von Kindesbeinen an. Es ist sicherlich kein großes Kunstwerk, aber ein nettes und handwerklich ordentliches Stück dekorativen Kunsthandwerks ist es sicher. Die Grenze zwischen Kunst und Handwerk ist ohnehin fließend und Kunsthandwerk ist auch Kunst, auch wenn sie vielleicht keine Museumsqualität erreicht.

 

Vielleicht hängt auch bei Dir zu Hause ein kleines, feines Kunstwerk. Geh ruhig auch einmal bei Dir zu Hause auf Safari.