Das Musikzimmer

Allegorien

Bei ihren Safaris kommt Joana auch zu einem Musikzimmer.

 

Ein altes Cello lehnte an einem Sessel und dämmerte vor sich hin, ein Flügel stand in der Mitte und darauf lagen eine Flöte, eine Geige und ein Stapel Noten. Auch einen Schrank gab es, der voller Noten war, und eine Kommode, die Notenständer enthielt.
Joana wagte nicht, den Flügel zu öffnen. Eine Taste anzuschlagen kam schon gar nicht in Frage. Auch hier hingen Bilder, drei Stück. Eines war eines der Bilder, die nur ein paar Sachen zeigten. Es waren lauter Musikinstrumente: Flöten, eine kleine Harfe, eine Gitarre und eine Geige. Alles schien auf sehr hübsche Art unordentlich hingelegt oder aufgebaut zu sein.
Das andere Bild zeigte einen Konzertsaal mit großem Lüster, in dem eine junge Dame an einem Flügel saß und vor den Leuten spielte. Joana schaute es sich eine ganz Weile an. Es war sonderbar und sehr schön und stimmungsvoll gemalt, obwohl es in vielfacher Hinsicht unklar war. Die Leute hatten zum Beispiel keine erkennbaren Gesichter. Es war ein wenig wie bei einem unscharfen Foto … und doch ganz anders.
Das dritte Bild war hoch und schmal. Es zeigte eine nackte Frau, die eine altmodische Gitarre hielt und ein Blatt mit Noten. Joana erkannte sie. Es war eine der drei Badenden aus dem Salon. Dass Leute auf den Bildern so oft nackt herumliefen, wo sie es doch sonst nicht taten, fand sie sonderbar.

Das erste Bild war ein Stillleben im Stil der Niederländer. Die haben wir schon im Esszimmer behandelt. Das zweite Bild stellt ein Konzert dar. Diese Bilder sind ein recht interessantes Thema in der Malerei.


Das erste Bild war also ein Stillleben im Stil der alten Niederländer. Solche Bilder haben wir schon im Esszimmer behandelt.

 

Das zweite Bild stellt ein Konzert dar. Diese Bilder sind ein recht interessantes Thema in der Malerei und sie haben hier eine eigene Seite.

 

Die nackte Dame im dritten Bild ist eine sogenannte Allegorie. Und um die soll es hier gehen.

 

Allegorien sind Darstellungen, die abstrakte Ideen darstellen. Also Begriffe, die man eigentlich gar nicht darstellen kann, wie Geiz, Schönheit, Treue und ähnliches. Man benutzt dazu Dinge, die den Begriff symbolisieren. Gerne lässt man die Begriffe durch Menschen verkörpern und gelegentlich sind diese Figuren nackt. Doch das ist keine Bedingung.

Hans Baldung: Allegorische Figur (der Stolz)
1529, Farbe auf Nadelholz, 83 cm x 36 cm
Alte Pinakothek, München

 

Dieses Bild stammt aus der Renaissance. Es zeigt solch eine allegorische Figur.

 

Wir sehen in einer Art Grotte eine nackte Frau mit roten Haaren an einem Abgrund stehen. Hinter Ihr stehen ein Hirsch und eine Hindin. Sie steht auf einer Schlange und hat ein seltsamen Gegenstand in der Hand. Es ist vermutlich ein Globus, vielleicht auch ein Spiegel in einem drehbaren Goldrahmen. Bei Allegorien dient die Staffage immer zur Kennzeichnung dessen was gemeint ist. Manchmal ist es nicht mehr ganz einfach zu verstehen, was genau gemeint war. Ich habe bei diesem Bild ein wenig nachlesen müssen, was es darstellt. Offenbar war hier die Todsünde des Stolzes gemeint.

 

Nicht auf dem Bild wird zufällig sein. Was gezeigt wird, ist eine Anspielung oder ein Symbol.

 

Das kann sogar für die Haarfarbe zutreffen. So galten und gelten nachmal immer noch rothaarige Frauen als besonders temperamentvoll und selbstbewusst. Der Abgrund kann die Redensart „Hochmut kommt vor dem Fall“ versinnbildlichen und die Schlange könnte man als Sündenwurm deuten, so dass der Stolz aus der Sünde erwächst.

 

Das Gerät in der Hand? Wenn es ein Spiegel ist, ist es ein Symbol für Schönheit und Eitelkeit, die beide prima zu dieser Todsünde passen. Wenn es die Weltkugel ist, dann sieht der Stolz allzu sehr auf die Dinge der Welt und nicht auf wichtigere Dinge, wie die Religion. Wenn wir genau schauen, dann erkennen wir die Reflexion eines Totenschädels darin!

 

Ist es ein sonderbares kugeliges Glasgefäß, das einen Totenschädel enthält? Als Objekt für Sammelstücke oder Reliquien kenne ich solche Glaskugeln nicht. Aber als Wahrsagekugeln kennen wir sie alle! Das erscheint mir eine sinnvolle Interpretation zu sein. Dann ist es eine Aussage im Sinne der Vanitas: Alles ist eitel, Reichtum. Schönheit und auch Stolz – der Tod macht alle gleich. Da nimmt es nicht Wunder, dass gerade dem Stolz statt einer strahlenden Zukunft nur der grinsende Gevatter erscheint.

 

Ein morialinsaures Bild? Ja. Aber es geht zum Glück auch anders.

Bernhard Rode:  Die Muse Klio
Nicht datiert – nach 1780, Öl auf Leinwand 36,5 cm x 27,5 cm
Vermutlich in Privatbesitz

 

Zur Datierung: 1780 ist meine Vermutung. Das ist nicht wild geraten, sondern sondern eine begründetet Vermutung. Der Maler lebte von 1725 bis 1797. Wie komme ich aber als nur angebrüteter Kunsthistoriker dazu, das Bild zeitlich einzuordnen? Es ist das, was die Muse trägt. Dazu gleich mehr.

 

Die Darstellung der Musen sind in der Kunst ein wenig ambivalent. Man hat mit ihren einerseits mythologische Szenen gestaltet, wie sie Apoll huldigen oder auf dem Parnass tanzen. Doch sie waren auf beliebte Allegorien ihrer Künste.

 

Hier sehen wir Klio, die Muse der Geschichtsschreibung. Es ist ein Bild aus dem Klassizismus, eine Stilrichtung, die in England und Frankreich ihren Ursprung hat. Der Künstler war aber ein Deutscher. Rohde war ein wichtiger Maler am Hofe von Friedrich II von Preussen. Seine späteren Werke zeigen, dass er sich dem Klassizismus zugewandt hat. Leider sind viele seiner Bilder im zweiten Weltkrieg verbrannt oder verschollen. Darum ist er heute etwas weniger bekannt.

 

Klio wird traditionell mit Büchern dargestellt und entsprechend sehen wir sie neben einem Felsen mit den Schwarten. Sie ist nicht nackt, sondern trägt ein Kleid, das direkt unter dem Busen gegürtet ist, eine sogenannte Chemise. Diese Kleider kamen ab etwa 1780 in England und Frankreich auf. Im revolutionären Frankreich war es die radikale Abkehr von den überreichen, dekadenten Damenroben des Rokoko und Bekenntnis zu Schlichtheit. In England war es eher die Begeisterung für die Antike. Man reiste gerne und besuchte auch Pompeii. Da sah man auf Fresken und an vielen Statuen ähnliche Gewänder.

Bis zum Rokoko hüllte man antike mythologische Damen eher in große Tücher mit wildem Faltenwurf, Fantasiekleider oder übergroßen Hemden, die man gerne für die Betrachte r in Rutschen brachte, so dass sie mehr enthüllten als verbargen. Die Chemise war aber ein durchaus alltagstaugliches Kleidungsstück, dass zumindest zierlichen Damen schmeichelte. Die schlanken Damen von Welt kleideten sich gerne so.

 

Klio hebt deutlich ihren Zeigefinger und legt die andere Hand auf das Buch. Diese Geste kennt jeder, der einmal unterrichtet worden ist. Sie heißt: Aufpassen! Entsprechend muss das Buch und damit die Geschichtsschreibung ganz allgemein wichtig sein.

 

Als sei das nicht schon deutlich genug, steht neben Klio noch ein nackter Bub und hält eine Tafel hoch: „Sapere“ steht darauf. „Du sollst verstehen!“  So ist diese Allegorie der Geschichtsschreibung zugleich auch die Aufforderung, aus der Geschichte zu lernen.  

 

Nebenbei zeigt das Bild auch, dass man genau hinschauen muss. Bei Bedarf muss man auch auf eher exotischen Wissensgebieten ein wenig forschen, so zum Beispiel im Bereich der Geschichte der Damenmode. Aber heute kann das jeder nachkucken, dank Internet. Dennoch ist es natürlich ein wenig mühsam. Doch es lohnt sich.