Auf dem Speicher –

das Portrait des Professors und der Impressionismus

Joana sucht das Bild des Professors in Echo Hall und muss dafür den Speicher auf Echo-Hall durchstöbern, die Dachkammern in denen früher die Wäsche gepflegt wurde und wo auch die weiblichen Dienstboten wohnten. Zur Zeit des Buches sind die Räume sind weitgehend ungenutzt und auch in den Abstellkammern war wohl seit Jahren keiner mehr. Das Portrait findet sie am Ende im letzten Raum, was gar nicht so einfach ist, denn dieses Zimmer war verschlossen.

Doch dort ist sie endlich am Ziel.

So in etwa muss es dort ausgesehen haben, als dort noch Hausmädchen wohnten.

 

Jean-Baptiste Greuze: die Klagen der Uhr
um 1775, Öl auf Leinwand, 79,3 x 61 cm

Alte Pinakothek, München

 

Vorsichtig zog sie die Decke herunter und ließ sie zu Boden gleiten. Tatsächlich: auf einer Staffelei stand da ein Bild, das einen Mann im Garten mit Malerpalette zeigte.

 

Joana hatte den Professor gefunden.

 

Sie setzte sich auf die Decke und betrachte das Bild erst einmal. Es war – bunt. Es bestand eigentlich nur aus Farbklecksen. Wer war dieser Mann? Der Maler, der Professor selbst? Joana musste sich noch einen Schritt weiter zurück-setzen, um das Bild besser zu erkennen. Der Künstler hatte offenbar die Grundfarben gar nicht groß gemischt, sondern mit einem Pinsel direkt in Tupfen und kleinen Klecksen auf die Leinwand gebracht. So mischten sie sich erst im Bild. So kam es, dass im Grün der Pflanzen immer wieder Reste von Gelb und anderem Grün und sogar von etwas Blau heraus blitzten, mit denen es gemischt war.

Auch die Formen und Konturen waren nicht so klar und deutlich, wie zum Beispiel bei den Tieren in ihrem Zimmer oder den badenden Nackedeis. Eigentlich bestand alles auf der Leinwand nur aus Klecksen oder zufällig wirkenden Farbtupfen. Und doch: Wenn sie nur ein Weilchen hinsah, ergänzten sie sich und verbanden sich zu einem Bild. Einem Bild von der Terrasse von Echo-Hall, auf der zwischen üppiger Blumenpracht und Kübelpalmen ein älterer Mann mit runder Brille saß und ein Bild malte. Der Dargestellte wirkte freundlich und liebenswürdig. Ein wenig wie ein Opa.
Ein Portrait ist ein Bild, das einen bestimmten Menschen erkennbar darstellt. Ein gutes Portrait zeigt den Menschen nicht nur so, wie er aussieht, so wie ein Passfoto, es versucht auch das Wesen der Abgebildeten zu zeigen.


Wer ein gutes Portrait malen möchte, muss immer auch versuchen, ein wenig vom Wesen der Person einzufangen.

 

Wie fangt man das Wesen des Menschen in einem Bild ein? Zunächst durch genaue Beobachtung, Und dann malt man die Person mit allem, was typisch für die Person ist. Schon allein die Art, wie die Figur steht oder sitzt, wie sie aus dem Bild herausschaut, all das sind Mittel, mit denen ein Maler viel ausdrücken kann. Dazu kommt möglicherweise die Wahl des Hintergrundes und der Umgebung. Ein Gelehrter kann vor einer Bücherwand am Schreibtisch gemalt werden, ein Naturfreund im Garten und so weiter.

 

Wichtig ist aber immer, dass der Maler seinen Eindruck vom Menschen auf die Leinwand bringt. Im späten 19. Jahrhundert entdeckte die Malerei den Impressionismus. Man versuchte damals neue Wege zu gehen. Es ging weniger um die exakte, wirklichkeitsgetreue Abbildung des Motivs, sondern darum eine Stimmung und eine Gefühl im Bild darzustellen, eine Impression oder auf Deutsch: eine Impression. Ein beliebter Weg, das zu erreichen, war die Formen nicht mehr exakt abzubilden sondern sie mit raschen impulsiven Pinselstrichen „roh“ einzufangen.

 

Fairerweise muss man natürlich einräumen, dass man das auch schon vorher machte. Wenn wir im Bild  von Bucher mit den Holzschuhen einmal den Kirschbaum ansehen, erkennen wir in Laubschlag, dass man schon damals genau das machte. Aber in den Gesichtern wird es wieder eine ganz feine, lasierende Malerei. Der Impressionismus wendet diese Technik auch aufs ganze Bild an.

Rasch entdeckten die Maler, dass sich der neue Stil auch sehr gut eignet, um Menschen zu Portraitieren. Ein herausragendes impressionistisches Portrait ist das folgende.

 

Das Bild ist genaugenommen ein Selbstprortrait. Die haben eine lange Tradition. Es gibt sie seit der Renaissance. Für sie gilt im Prinzip das selbe, was für Portraits gilt, nur ist der Abgebildete zugleich der Maler. Es ist also auch immer Selbstdarstellung und oft spielt auch ein wenig Eitelkeit mit.

Nun aber endlich zum Bild. Dieses Bild war das Vorbild für das Bild des Professors

Lovis Corinth: Großes Selbstporträt vor dem Walchensee
1924, Öl auf Leinwand, 135.7 cm x 107 cm
Neue Pinakothek, München

 

Anstatt zu fragen „Was sehen wir?“ sollten wir hier vielleicht eher fragen: Was erkennen wir? Wir erkennen ein Mann im gestreiften Hemd mit einem Pinsel in der Hand. Er steht in einem sommerlichen Garten hoch über einem blauen Gewässer mit Bergen im Hintergrund. Die Sonne scheint im auf die Glatze und er schaut konzentriert, aber nicht unfreundlich aus dem Bild.

 

Wenn man vor solch einem Impressionistischen Bild steht, fällt auf, dass man das Bild nicht besser erkennt, wenn man näher herantritt. Wenn man zu nahe an der Leinwand steht, lösen sich die Formen auf und man sieht nur mehr etwas, was Joana „Kleckse“ genannt hat. Man erkennt die einzelnen, recht groben Pinselstriche und erkennt, dass der Künstler die Farben oft ungemischt aufs Bild auftrug. Entweder mischten sich die Farben beim Auftragen im Bild, oder sie bleiben nebeneinander einfach stehen und erst das Gehirn mischt daraus einen Mittelwert.

 

So funktionieren sehr viele Bilder der Maler des Impressionismus: Der Künstler setzt scheinbar wahllos Farbflecken auf die Leinwand und erst der Betrachter setzt sie zum Motiv zusammen. Wenn man ein solches Bild und ein Stillleben eines alten Niederländer vergleicht, erkennt man die völlig gegensätzliche Herangehensweise.

Lovis_Corinth_005

 

Max Liebermann, Terrasse im Restaurant Jacob in Nienstedten an der Elbe

 

1902/1903, Öl auf Leinwand, 70 cm x 100 cm

Kunsthalle Hamburg

 

Wie auch schon das Selbstportrait von Lovis Corinth ist dieses Bild ein schönes Beispiel für die Kunst des Impressionismus. Das Bild hat einen genauen Titel. Die Hamburger wussen schon allein durch den Titel, was es zeigt. Man sieht die Terasse von einem der schönsten Cafés in Hamburg, von dem man einen herrlichen Ausblick auf die Elbe und den Schiffsverkehr darauf hat.

 

Was sehen wir auf dem Bild? Natürlich sehen wir die Terasse unter den Bäumen, die offenbar einen angenehmen Schatten mit ein paar Sonnenflecken spenden. Wir erkennen eine Frau im roten Kleid mit einem Kind am ersten tisch, eine weitere im hellblauen Kleid am Tisch dahinter, die wohl auf den Fluss schaut und eine Vielzahl von Figuren am Rande oder im Hintergrund. Alles aber bleibt vage, verschwommen, „hingetupft“

Interessant ist auch, was man nicht sieht. Man könnte erwarten, da das Bild ein Restaurat oder Café zeigt, könnte man vermuten, dass man Kellner oder Kellnerinnen sieht, oder Gäste, wie sie essen oder trinken. Hier enttäuscht das Bild weitgehend. Es bleibt zu unbestimmt. Auf dem vordern Tisch kann man ein Kaffeegedeck erahnen, doch es isst und trinkt offenbar niemand. Eine Kellnerin scheint hinter einem Baum hervorzukommen, doch das Bild wählt einen Augenblick, der sie versteckt. Ob die helle Figur im Mittelgrund ein Kellner oder ein Gast sein soll, bleibt völlig unklar. Eine Art Genre-Bild, das das Kaffetrinken in auf der Terrasse zeigt, wollte der Maler offensichtlich nicht malen. Auch die sensationelle Aussicht auf die Elbe blendet er komplett aus. Man muss wissen, dass die Dame im Hellen Kleid einen herrlichen Ausblick genießt. Erkennen kann man es nicht.

 

Auch die Menschen bleiben vage. Sie haben keine Gesichter. Sind sie annonym, unbestimmbar. Es ist nur auswechselbares, beliebiges Publikum? Ich denke, genau das sind sie. Es könnte jeder sein. klar

 

Die Unbestimmtheit und das Vage der Malerei, die vielen Kleckse, sorgen hier dafür, dass das Auge nie zur ruhe kommt. Immer weiter wandert, um in den Klecksen eine klare Form, bestimmte Personen oder Details zu erkennen. So sorgen die Augen für eine gewisse Lebendigkeit im Bild. Zwar bewegen sie die Farben nicht, doch das Auge und das Gehirn bewegen sie, wenn der Betrachter versucht in den Farbflecken etwas konkretes zu sein. Das macht das Bild lebendig.

 

Dieser Kunstgriff sorgt dafür, dass die ganze Szene nicht statisch wirkt. Das Kind am Tisch will gleich aufstehen, das Kind mit dem Strohut im Hintergrund wird gleich hüfen, die Klellnerin trägt gleich einen Teller mit einer Bestellung zu den Gästen und so weiter …

 

Das ist die Idee des Bildes und die hat Liebermann wunderbar eingefangen. Die Stimmung einer belebten Restaurant-Terrasse an einem Sommmertag. Es könnte auch ein Biergarten im letzten Sommer in München sein oder ein sonstwo. Da auch die modischen Details nur eher angedeutet sind, ist das Bild recht zeitlos. Die Stimmung war dem Maler wichtiger als der Ort und die Zeit.