DIE BILDER VON SCHÄFERINNEN UND SCHÄFERN

DIE WONNEN DES LANDLEBENS

Im Salon, in dem Joana mit ihrer Tante lernt, fallen Ihr Bilder von Schäferinnen auf. Solche Bilder gibt es viele. Dies ist so ein Schäferinnenbild, wie man sie im Rokoko, kurz vor der französischen Revolution sehr gerne sich in die Salons hängte. Es war eine richtige Mode in dieser Zeit.

 

Lass uns ein paar solcher Bilder betrachten.

François Boucher, Träumende Schäferin

um 1763, Öl auf Leinwand, 60 cm x 47 cmi

Residenzgalerie, Salzburg

 

Boucher zeigt auf einer Waldlichtung eine Hirtin in rotem Rock und blauen Mieder, neben sich einen üppigen Korb mit Blumen und eine Ziege. Ihr breitkrempiger Schäferhut aus Stroh liegt links hinter ihr im Busch. Die junge Frau ist offenbar ein wahres Naturkind, denn sie geht barfuß.

Schauen wir aber etwas genauer hin.

 

Als Hirtin ist sie – trotz Ziege und Hut –  in meinen Augen ein wenig unglaubwürdig. Sie ist zu gut gekleidet, zu gut frisiert und allzu „niedlich“, um echt zu sein. Auch die Ziege wirkt wie frisch shampooniert.

 

Diese Hirtenbilder waren damals große Mode. Man fand das „einfache Leben im Idyll“ sehr anziehend. Man muss sich vor Augen halten, wie die Leute lebten, die diese Bilder kauften. Es war das 18. Jahrhundert, das Rokoko. Die Käufer solcher Bilder war die feine Gesellschaft, also vor allem der Adel.

 

Bei Hofe pflegte man ein sehr üppiges und gekünsteltes Leben voller Luxus und dekadenter Vergnügen. Manches war sehr kompliziert. Allein ein Ballkleid anzuziehen, erforderte mindestens zwei Helferinnen. Darum sehnte man sich nach Einfachheit und wollte leben wie die Hirten. Aber bitte ohne die Härten des Alltags! Ohne die Not, die Arbeit, die Kacke und dem Gestank der Tiere!

 

Man spielte also Schäfer und Schäferin. Bei Versaille baute man sogar für solche Spiele der Königin ein künstliches Dorf. Solch ein gespielte Schäferin sehen wir hier.

Auch dieses Bild ist solch eine „Schäferszene“. Es ist etwas älter als das erste.

Antoine Watteau Die Schäfer

um 1718, Öl auf Leinwand, 56 cm x 81 cm

Schloss Charlottenburg, Berlin

 

Es zeigt – angeblich – Schäfer bei ihren Vergnügungen. Da wird getanzt, geschäkert, musiziert und geschaukelt. Nur um die Schafe, die im Hintergrund unauffällig herum stehen, kümmert sich keiner. Nicht einmal der Hund.

 

Wenn wir genauer schauen, sind es schon recht seltsame Hirten:

Antoine_Watteau_-_The_Shepherds_-_WGA25479

Der Tänzer ist herausgeputzt wie ein Pfau. So elegant sieht kein Hirte aus. Auch seine Partnerin hat ein recht üppiges Kleid an, das nur wenig an Einfachheit erinnert. Die Schaukelnde trägt gar eine Ballrobe, mit der man sich in der feinen Gesellschaft sehen lassen kann.

 

Andere Figuren wirken auch nicht recht alltagstauglich: Der Dudelsackspieler trägt elegante Seidenstrümpfe, seine begeisterte Zuhörerin eine Perlenkette. Nein. Da wurde kein echtes Landvolk gemalt. Es ist eine „fête galante“, galantes Fest der feinen Leute in rustikalem Ambiente.

 

Doch eines wundert mich dabei: Welcher junge Adelige wird wohl lernen, einen oridinären Dudelsack zu spielen? Geige oder das Cembalo, auch Querflöte … das sind die Instrumente, die jungen Menschen bei Hofe lernen, aber sicher nicht der solch ein Bauerninstrument: Zu gewöhnlich und viel zu laut.

 

Deshalb nehme ich an, dass es hier weniger ein reales Fest gezeigt werden soll. Es ist eher eine Art Phantasie, ein Spiel: Wie wäre es wohl, wenn wir Schäfer wären? Aber bitte ohne Kontakt zur Wirklichkeit.

 

Noch einmal ein Schäfer-Bild von Boucher, dem großen Meister des Niedlichen:

François Boucher: Eine sommerliche Hirtenszene

1749, Öl auf Leinwand, 259 x 197 cm

The Wallace Collection, London

 

Was hier sofort auffällt, ist das Format: Das Bild ist groß. Natürlich waren die Wände in den Schlössern des Rokoko auch deutlich größer als in einer modernen Wohnung. Aber dennoch: dieses Bild auch für ein Boudoir eines Schlosses nicht klein zu nennen.

 

 

Es zeigt etwas großzügiger und mit etwas mehr Landschaft eine Hirtenszene. Dabei benutzt Boucher die typischen Versatzstücken, die wir jetzt schon kennen: Barfüßige Adelige im schicken Kostüm des Landvolks, aber bitte in Seide, frisch geschrubbte Tiere, Strohütchen, Blumen im Haar und im Körbchen, dazu ein  Dudelsack. Im Hintergrund links sehen wir einen sehr schäbigen Unterstand … einfacher geht es kaum!

 

Über die schwungvolle Komposition könnte man einiges sagen. Ich will es nur kurz anreißen: Das Blau des Himmels wird von der Wolkenkurve und dem entgegenkommenden Baum eingefangen. So kann der Blick nicht aus dem Bild eilen.

Boucher_A_Summer_Pastoral

Die Figuren in der unteren Hälfte bilden ein schönes Dreieeck. Folgen wir der stehenden Hirtin mit dem Blick vom Kopf über ihren nach vorn gesetzten Fuß und wir haben eine vertikale Linie, die auf den Fuß der hingelagerten Hirtin trift. Von da an geht es weiter nach rechts oben, über Bein, Brust und Dudelsack, alle hell, und von da aus wieder zur ersten Hirtin zurück, wenn wir die unsichtbare Linie der Blicke verfolgen, die sich Hirt und Hirtin Nr. 1 zuwerfen.

 

Was auch auffällt, ist das Übertriebene, das aufgesetzt seelenvolle Schmachten in den Minen, die sonderbar unbequeme Haltung der liegenden Hirtin und des verdreht dasitzenden jungen Mannes. Ich vermute, dass ihre Positition auch der Konstruktion geschuldet ist. Bequem sieht diese Stellung jedenfalls nicht aus.

 

Warum das alles? Wieso so übertrieben? Offenbar war es so gewollt. Es ist Kunst für Leute, die gerne solche Rollenspiele spielen. Und die es dabei selbst übertreiben. Daher soll wohl auch das Bild dieses Rollenspiel in seiner Übertreibung einfangen. Zumindest sehe ich es so. Es kommt mir auf ähnliche Weise übertrieben vor, wie manches „Mittelaltersprech“, das man oft auf historischen Märkten oder unter LARPern hört. Auch dort geht es um Rollenspiel und es wird oft übertrieben. Doch hier – im Bild – musste es Boucher mit optischen Mitteln eingefangen.

Joana entdeckt unter den Bildern auch eines, das ein Picknick zeigt. Auch hier dachte ich wieder an mehrere Bilder. Eines mag genügen. Das Bild heißt: die Holzschuhe. Der Titel allein könnte einen schon neugierig machen

 

François Boucher: die Holzschuhe

1768, Öl auf Leinwand, 62,2 cm x 52,1 cm

Galerie von Ontario, Toronto

 

Was sehen wir? Eine junge Frau und ein junger Mann sitzen unter einem Kirschbaum auf dem Boden. Sie essen Kirschen. Eine Flasche, vermutlich Wein, steht daneben, ein Spinnrocken liegt unbeachtet neben dem Mädchen. Unten in der Bildmitte finden wir die Schuhe, die dem Bild den Namen gaben.

 

Schauen wir genauer hin: Die beiden jungen Leute sind offenbar verliebt.

 

Das allein kann man aus den Blicken ablesen. Doch die Betrachter im Rokoko sahen noch mehr Zeichen, die ganz klar zum Ausdruck bringen, dass es sich hier um ein Liebespaar handelt.

Wir finden eine ganze Reihe von Symbolen für Liebe und Erotik. Da fällt auf, dass das Mädchen keine Haube oder einen Hut aufhat, wie es man es bei einem anständigen Mädchen vermuten würde. Sie trägt eine Rose am Ausschnitt, die Blume der Venus also in Verbindung mit ihrem Busen …

Der junge Mann liegt auch unter einem Rosenbusch, wieder die Blume der Liebesgöttin. Und die Kirschen wurden, wie sehr viele runde Früchte als die Frucht des Paradieses gedeutet, die die Sünde und den Sex in die Welt brachte. Damals wurden nicht nur Äpfel dafür gehalten. Auch Pfirsiche, Tomaten, Granatäpfel, Orangen und etliche mehr wurden so gedeutet.

Boucher-Sabots-Detail

Wenn wir die Kirschen näher ansehen, stellen wir fest, dass der junge Mann dem Mädchen buchstäblich aus der Hand isst. Dies gehörte damals – wie auch heute noch – zum Flirten und zum Liebesspiel. Wenn wir die Kirsche ansehen, die der junge Galan seiner Dame offeriert wird, wird es endlich ganz klar. Der Finger, der das Kirschenpaar hochhält erinnert ganz sicher nicht zufällig an einen aufgerichteten Penis.

 

Und die Schuhe? Die Holzschuhe, die dem Bild ihren Namen gaben, sind auch ein Symbol, das uns aber heute nicht mehr geläufig ist. Wenn ein Mädchen seinen Schuh, oder sogar beide, verliert oder auszieht, bedeutet das, dass das Mädchen Sex hatte oder gleich Sex haben wird.

 

Es ist, obwohl die beiden angezogen sind, ein durchaus frivoles Bild.