die Stillleben im Esszimmer

 

die hohe Kunst der Niederländer im Barock

 

Stillleben nennt man Bilder, bei denen (vor allem) reglose Dinge abgebildet werden. Sie entstanden als eine selbstständige Bildgattung im 16. Jahrhundert.

 

Besonders die Niederländer haben diese Bilder sehr gemocht und ihre Maler brachten die Kunst der Darstellung der Dinge zur Vollkommenheit. Oft sind es Blumen oder Lebensmittel, es können aber auch Bücher, Haushaltsgegenstände, Musikinstrumente oder Kunstwerke sein.

 

Lass uns ein paar anschauen.

Jean-Étienne Liotard, Stillleben mit Teeservice

zwischen 1781 und 1783, Öl auf Leinwand, auf Holz aufgezogen, 37,8 cm x 51,6 cm

Getty Center, Los Angeles

Dieses Bild ist nicht von einem Niederländer. Es stammt von einem Schweizer Maler, der im 18. Jahrhundert lebte. Er orientierte sich aber offensichtlich deutlich an den Vorbildern aus Holland.

 

Das Thema dieses Bildes ist die zarte Schönheit des chinesischen Geschirrs, seine Exotik, seine schimmernde Pracht und Zerbrechlichkeit.

Das Tablett wurde ganz bewusst in einer wirkungsvollen Unordnung arrangiert, nicht zu wild chaotisch, aber auch nicht zu aufgeräumt. Auf diese Weise wirkt es zufällig und ist doch kunstvoll und bewusst arrangiert. Außerdem kann der Maler so auch die Tassen umgekippt malen, so dass man das schimmernde Innere sehen kann.

Dennoch ist die Unordnung nicht zu des wild.

 

Das Geschirr ist mehr oder weniger oval-rund ums den Teller arangiert, als würden sie in einen leicht eiernden Reigentanz aufführen. Dieser Reigen wiederholt locker die Form Tabletts.

Zum Thema Porzellan noch ein Wort:

 

Als die meisten der Stillleben entstanden, war Porzellan noch ein unerhört teures und exklusives Luxusgut. Jedes einzelne Stück musste aus China eingeführt werden. Sein Preis und sein Schimmer machten Porzellan für die Maler von Stilleben ungeheuer attraktiv.

 

Dies seine Zerbrechlichkeit machten es zu einem Symbol für das sie für das menschliche Leben, kostbar und stets von jähem Ende bedroht.

Cornelis Jacobsz Delff, Küchenstilleben

1610, Öl auf Leinwand, 66 cm x 100 cm,

Alte Pinakothek, München

Dieses Bild ist ein alter Bekannter, denn ich war oft in der alten Pinakothek. Corneliaus Jacobsz wurde etwa 1570 in Gouda geboren und starb 1643 in Delft. Er war ein Spezialist für Stilleben. Hier hat er blankgeputztes Geschirr mit ein paar Lebensmittel arrangiert.

 

Offensichtlich ging es dem Maler hier auch, vielleicht sogar vor allem, um den Augenreiz des schimmernden Metalls, den er wunderbar einfangen konnte. Schau, wie der Kupfertopf in warmen Rotgold schimmert, weiter oben der Tiegel aus Zinn dunkler und stumpfer ist und der große, blankgescheuerte Eisentopf hell und kalt schimmert und ein wenig anders das klare Wasser darin!

 

Dem Maler gelingt es, die Materialien so typisch einzufangen und dem Betrachter vor Augen zu führen, wie es macher Fotografie nicht schafft. Das war die große Kunst der Stilllebenmaler der Niederlande, für die sie berühmt waren.

 

Horemans_Küchenstilleben

Peter Jakob Horemans Küchenstillleben mit Tellern, Gemüse und totem Hühnchen

1774, Öl auf Leinwand, 33.2 cm x 43.1 cm,

In Privatbesitz

Dies ist ein etwas späteres Stillleben. Dieser Maler wurde 1700 in Antwerpen geboren, lebte später in München, wo er Hofmaler wurde und 1776 starb. Er malte vor allem Stilleben, Bilder mit religiösen Themen, Portraits und Bilder von Hoffesten.

 

Auch hier wurden Küchengeräte gefällig zu einem „Berg“ arrangiert. Hier sind zwar auch Lebensmittel gezeigt, das Huhn und der Kohlrabi, aber in diesem Bild steht eher das Geschirr im Fokus. Auf anderen sind es eher die Lebensmittel.

 

Auch hier geht es dem Maler wieder darum, die Dinger wirklichkeitsgetreu darzustellen, dass man meinen könnte, echte Sachen vor sich zu haben.

Ein wenig noch zur Symbolik auf Stilleben.

 

Interessanterweise sind viele der Stillleben nicht nur Bilder, die zeigen, wie schön oder hässlich Dinge sind, viele dieser Bilder sind auch voller Symbolik. Wenn man ihrer versteckten Aussage auf die Spur kommen will, muss man sie moralisch bzw. religiös deuten.

 

Dazu muss man zuerst verstehen, wie die alten Niederländer dachten: Als calvinistische Protestanten war für sie Reichtum und weltlicher Besitz Gottes Lohn für ein tugendhaftes, christliches Leben. Darum zeigte man sehr gerne, was man hatte, denn das zeigte, wie fromm man war. Aber Eitelkeit ist auch eine Todsünde. Also darf man mit seinem Besitz nicht so recht angeben. Darum stellte man in diesen Bildern immer auch die Vergänglichkeit dar, um zu zeigen, dass man sich wohl bewusst ist, dass kein irdisches Glück von Dauer ist.Dieses Thema der Vergänglichkeit zeigen sie aber mehr oder weniger verschlüsselt.

 

Der schimmernde Schein der Kessel wird verblassen, das Porzellan wird zerbrechen, der Geschmack von Tee und Gebäck ist nicht von Dauer. Die Blumen werden verblühen … Oft finden sich auch offene und verdeckte Anspielungen auf den Tod in den Bildern: Totenköpfe, tote Tiere oder erloschene Kerzen als Anspielung auf das Lebenslicht, das irgendwann erlöschen wird. Allein in Jesus Christus liegt die Hoffnung. Der ist das Brot des Lebens. Darum finden wir so oft Brot, Weinkannen oder -gläser auf den Bildern, und auch Fische. Schau mal: Auch auf dem Bild von Cornelis Jacobsz Delff haben sich Fische eingeschlichen.

 

Warum Brot, Wein oder Fische? Brot und Wein, weil daraus im Abendmahl der Leib und das Blut Christi werden und Fische, denn schon seit den ersten Christen war der Fisch ein Symbol für Christus. Das griechische Wort für Fisch ἰχθύς (ichthýs) kann man auch als ein Mini-Glaubensbekenntnis verstehen:

 

Ἰησοῦς Χριστός Θεοῦ Υἱός Σωτήρ:

ΙΗΣΟΥΣ – Iēsoûs „Jesus“

ΧΡΙΣΤΟΣ – Christós „der Gesalbte“

ΘΕΟΥ – Theoû „Gottes“

ΥΙΟΣ – Hyiós „Sohn“

ΣΩΤΗΡ – Sōtér „Retter“/„Erlöser“

 

Ja, sie dachten schon ein wenig um die Ecke, die alten Niederländer.