Im Zimmer von Tante Hilda

das 19. Jahrhundert und die Romantik

Das Zimmer von Tante Hilda ist vielleicht das gemütlichste Zimmer auf Echo-Hall. Auch hier hängen Bilder.

 

Tante Hildas Zimmer war unverschlossen und wirkte so freundlich, wie sie es in Erinnerung hatte. Wieder standen Blumen auf dem Tisch, Bücher in Griffweite auf dem Nachttisch und neben dem Sessel. Das Teeservice, aus dem sie damals getrunken hatten, stand wieder ordentlich hinter dem Glas der Vitrine.

Es gab drei Bilder. Ein großes hing über dem Bett und zwei kleinere hingen neben einer Uhr auf der Kommode. Sie begann mit den kleineren, denn eines zeigte eine Burgruine und ein ähnliches Bild hatte Joana schon in ihrem Buch gesehen.

 

Adolph von Menzel: Wohnzimmer mit der Schwester des Künstlers

1847, Öl auf Karton, 46 x 32 cm

Neue Pinakothek, München

 

Diese Bilder bei Tante Hilda sind recht unterschiedlich und doch verwandt, denn sie stammen aus einer Zeit, dem 19. Jahrhundert, in der man sich gerne als empfindsamen Menschen fühlte und seine Gefühle und Sehnsüchte ernster nahm, als man bislang tat. Es war die Epoche der Romantik.  Es war eine Zeit des Aufbruchs.

 

Die Dampfmaschine erlebte ihren großen Aufschwung und die industrielle Revolution begann. Auch politisch begann es zu gären.

Die Französische Revolution hatte gezeigt, dass auch das Volk Macht hatte und Monarchen gestürzt werden konnten. Napoleon hatte Europa daraufhin in blutige Kriege gestürzt und zu weiten Teilen umgekrämpelt. In Deutschland wollten immer mehr Menschen wollten den kleinstaatigen Flickenteppich in ein geeintes Vaterland umgestalten, mit freier Presse und Parlament.

 

Ein ein Prozess, der in der Revolution von 1848 einen blutigen Höhepunkt fand. Das Bürgertum wurde nun immer bedeutender und auch Mächtiger. Eine durchaus spannende Zeit also, doch auch eine, die komplexer und komplizierter geworden war. So gab es zugleich auch – grade im Bürgertum – eine Flucht ins Private, ins Beschauliche, ins Idyll. Man sehnte sich nach Frieden und wollte in dieser turbulenten Zeit zur Ruhe kommen, wenigstens im Privaten.  „Empfindsamkeit“ war damals eine wichtige Vokabel. Man war für vieles sensibel und wünschte sich eine heile Welt zurück.

 

Man sammelte Volksmärchen aus der „guten alten Zeit“, entdeckte den Wald als mystisches Wunderland, das die „deutsche Seele“ berührte und vor allem das Mittelalter rückte in den Fokus. Burgen, mannhafte Ritter voll Edelmut und Treue, holde Frauen, die man minniglich verehren konnte … Da man aber nicht nur davon lesen und träumen wollte, begeisterte man sich für das, was das Mittelalter übrig ließ und vor allem Burgen und deren Ruinen wurden zu gern besuchten Ausflugszielen.

Philipp Otto Runge: Der Morgen

1808, Öl auf Leinwand, 106 cm x 81 cm

Hamburger Kunsthalle

 

Diese Allegorie von Otto Runge trifft – finde ich zumindest – sehr gut die Stimmung in dieser Zeit. In diesem Bild ist alles, was die bürgerliche Gesellschaft in dieser so Zeit wichtig fand.

 

Aufbruch und Dynamik, Hoffnung, Harmonie und Ausgeglichenheit (in dem symentrischen Aufbau), Friede und Sinnlichkeit. Und … ja, den finden wir auch im Bild: schrecklichen Kitsch!

 

Dieses Bild hängt nicht in Tante Hildas Zimmer. Ich glaube nicht, dass sie es im seiner Übertreibung und süsslichkeit gemocht hätte. Wie ich meint sie vermutlich, das ist dann doch ein wenig zu viel des Guten.

 

Wir finden in ihrem Zimmer aber zwei Bilder, die sich an Caspar David Friedrich orientieren und eine idealisierte Landschaft, die Joseph Anton Koch als Vorbild hat.